Die Politiker im Thalia Theater Hamburg

Ein poetischer Hilferuf aus der Quarantäne

Die Politiker die Politiker die Politiker

die Politiker -

Die Politiker die Politiker die Politiker

Die Politiker –

Die Politiker…

 

und immer weiter, immer weiter, minutenlang stereotyp „die Politiker“, eine chorische Wortkaskade. Damit beginnt das „Theatergedicht“ des vielfach preisgekrönten Dramatikers und Lyrikers Wolfram Lotz, das nach Berlin und Hannover jetzt auch in Hamburg am Thalia Theater auf der kleinen Bühne in der Gaußstraße in Szene gesetzt wurde und zwar - nach Aussage der Regisseurin Charlotte Sprenger - gleich in „zwei Wirklichkeiten“, da „zwei unterschiedliche Inszenierungen des gleichen Theaterspiels“ existieren, nämlich, „eine live auf der Bühne und eine live digital“. Der Kameramann Max Schlehuber ist immer dabei, er begleitet das Spiel mit der (Live-) Kamera vom Anfang bis zum Ende. Vorerst gibt’s für den normalen Theaterfreund allerdings nur eine Version zu sehen: die auf dem Bildschirm, die am 7. Mai als Premieren-Livestream gesendet wurde und am 14. Und 24. Mai wiederholt wird.

In der Tat ist das, was das Thalia als „digitale Wirklichkeit“ streamt, alles andere als abgefilmtes Theater. Minutenland wabern nur rostrote Schwaden über den Bildschirm, hinundwieder blitzen Lichtpunkte auf, dann eine angedeutete Hand, ein schemenhaftes Gesicht unter breitkrempigem Strohhut – dazu absurde Kalauer „die Politiker sie straucheln in Sträucher/sie knacken beim Kacken/ und schreien im Schrein! /Und immer nur Sex!“ Oder sie wässern den Garten, da reimt sich Schlauch auf Lauch, Bauch, auch, Rauch.

Dann unvermittelt wird’s ernst und persönlich:

Ach Wolfram

hör doch endlich mit dem Sozialneid auf

Hör doch mit dem Sozialneid auf

Und dem sozialen Leid auch

Mit dem sozialen Leid auch“

 

Langsam schwingen wir ein in die Wortmusik des Textes: den Wechsel zwischen mantragleicher Wiederholung und knappen Einschüben, zwischen chorischem Sprechen und nahezu sakralem Singsang, der urplötzlich in witzigen Beat übergehen kann. Wir lassen uns ein auf einen assoziativen Gedanken- und Sprachstrom, der uns über mehr als eineinhalb Stunden mitreißen wird. Denn das gelingt den sieben Figuren auf der Bühne (Pardon: auf dem Bildschirm) mit dem rhythmischen, teils gereimten Theatergedicht, einer Textfläche ohne Handlung und Dialoge, uns alle möglichen Probleme der Welt, bzw. der Politiker, ins Gedächtnis zu rufen.

Und das auf einer Bühne, die vielerlei sein kann: ein Boxring mit Geländer, an dem einige struppige Sträucher auch auf einen Garten verweisen könnten. Oder aber ein skurriles Kinderzimmer, in dessen Mitte auf riesigen Kufen etwas wie ein Baumhaus steht, das gelegentlich wackelt wie ein Schaukelpferd. In einer Ecke wartet ein rosa-farbiges Big-Body-Car auf Spielkinder, die allerdings hier auf der Bühne etwas groß geraten sind. So etwa der skurrile Merlin Sandmeyer mit Schnauzbart im Kleinmädchen-Dirndlhängerchen und Strickkniestrümpfen, der seine Rolle leicht albern gibt, oder der allgegenwärtige Musiker- Schauspieler Philipp Plessmann (in dieser Inszenierung in beiden Funktionen brillant!), der mit nacktem Oberkörper und Hängebauch über gelben Shorts als Adria-Tourist die Aufführung mit dem Song „Volare“ auflockert.

Doch trotz der komödiantischen Aufmachung (Bühne: Aleksandra Pavlovic, Kostüme: Anna Degenhard), die uns die eigenwillige Kamera allerdings erst nach vierzig Minuten als Gesamtbild freigibt - davor gibt’s nur verwischte Szenenbilder und etwas willkürliche Ausschnitte: mal Hut, mal Beine, mal Kufen, mal eine Plüschkatze (passend zum Text) , mal Bühnenecken oder etwas mehr – trotz aller Komik (ein Slapstick bringt das Gerangel um den richtigen Sessel mit Kanzler Kohl, an das sich wohl die wenigsten erinnern) und trotz des Aufpeppens durch fragwürdige Songs, etwa „All I have to do is dream“ aus den 50ern des letzten Jahrhunderts oder „Moviestar“ aus der 70ern, trotz all dieser Einsprengsel und Ablenkungen unter Einsatz von Bühnennebel und Windmaschine, trotz alldem, bleibt der Ernst des Anliegens, die Sprachmacht und Klangdynamik des Poems beherrschend.

Mit immer neuen poetischen Sprachbildern, meist chorisch, ganz selten einzeln rezitiert, beschwört der Text die Probleme der Welt herauf. Es geht um Klima und Altmüll, um Polizeigewalt und Digitalisierung, um Islamfeindlichkeit und 9/11, um Pandemie und Asylrecht. Dazu wird es plötzlich ganz konkret: Angela Merkel wird im O-Ton eigespielt „Dieser Fehler ist einzig und allein mein Fehler“. Dagegengesetzt werden die Tiraden von Alice Weidel: penetrant, etwas zu lang.

Bei all den heraufbeschworenem globalen Problemen gelingt es dem Autor immer wieder, den Zuschauer teilhaben zu lassen an der Isolation und Vereinsamung des Einzelnen, zunächst einmal des einsamen Poeten Wolfram Lotz, der inmitten aller Turbulenzen auf sich verweist „Ich bin der der das hier schreibt“ oder „Ich meld mich hier im Text bei dir / anstatt in echt“, denn da ist auch noch irgendwo die vernachlässigte Mutter, der es „nicht gut geht“, nach der „die Politiker fragen: Wolfram / wie oft / rufst du deine Mutter an?“ „Ich tue es fast nie“.

Doch dann immer, immer wieder „die Politiker“, endlos wiederholt, enervierend. Dann abrupt der Wechsel zu Einzelstimmen: „Adolf Hitler, Adolf Hitler, Adolf Hitler…“ (42mal, wenn ich mich nicht verzählt habe). Dazu dämonische Schwarze Engelfiguren auf der Bühne - auf dem Bildschirm allerdings nur in Ausschnitten - und plötzlich zwischen all den Adolf Hitler-Beschwörungen der Vers:

Über das Kind wachen die Engel im Traum

Ja, über das Kind wachen die Engel im Traum

Makaber, unheimlich. Dazu ein Choral aus dem Off.

Danach geht’s durcheinander auf der Bühne und im Bild, Musik wird eingespielt. Doch am Ende sind „Die Politiker“ zurück:

Die Politiker liegen auf der Wiese

Im ersten Morgenlicht

Die Politiker liegen auf der Wiese

Durch den Mund atmen sie

Die Politiker

 

Ohne Punkt endet das Theatergedicht.

Das Live-Streaming schließt nach spärlichem Klatschen: einige Zuschauer waren wohl live im Theater, aber auch wir – weit weg von Hamburg –möchten einstimmen in den Applaus nach einer so deftigen wie poetischen , insgesamt energiegeladenen Darstellung eines anspruchs- und kunstvollen Textes, wenn es auch nicht einsichtig ist, dass die detailorientierte Kameraführung uns manches (unnötig) vorenthielt.