Die Wildente im Berlin, Deutsches Theater

Empathie für die Versuchstiere

Respekt und Wertschätzung erfährt man nicht immer dort, wo man sie erwartet. Die eigene Familie ist für viele Menschen nicht Hort von Geborgenheit und Verständnis; das Abarbeiten eigener Unzulänglichkeiten an Menschen, die einem am nächsten stehen, das Ausagieren von Konflikten in nicht immer sozialverträglicher Art und Weise - all das kann Familie bieten. 

 Wie kaum ein anderer Autor hat sich Henrik Ibsen mit psychologischen Verflechtungen, Verletzungen und Schädigungen, die aus der Dysfunktionalität des Zwischenmenschlichen erwachsen können in seiner Arbeit auseinander gesetzt. Woher stammt Ibsens konzises sprachliches Geschickt, Psychologie mit meist larmoyanter Sprache aufzudröseln? Literaturwissenschaftler haben sich mit Ibsen auseinander gesetzt und Parallelen aus eigener Ibsen-Familienprägung und literarischem Werk versucht zu identifizieren. Einiges gilt heute allerdings als widerlegt: Laut neuester Ibsen-Forschung war Ibsens Vater Knud, ein Kaufmann, beispielsweise kein Alkoholiker. 

Aber nun ins Hier und Jetzt! Der Ibsen-affine Regisseur Stephan Kimmig hat sich nun am Deutschen Theater mit Die Wildente auseinandergesetzt - heraus gekommen ist ein bedrückendes Psychogramm, das allerdings in der Gesamtschau statisch, gar unterkühlt wirkt, was wahrscheinlich daran liegt, dass Kimmig die Schauspielerinnen und Schauspieler in einen eisigen Hallraum schickt (futuristisch-weiße, schnörkellose Bühne: Katja Haß), in dem die Worte und Bruchlinien der Charaktere für sich stehen bleiben, die Emotionen, sicherlich ein bewusster Kunstgriff Kimmigs, sich verschließen. Die Schauspieler wanken als irgendwie aseptische Vertreter ihrer Rollen über die Bühne. 

Da sind die zwei Männer, die einst Geschäftspartner waren, Werle und Ekdal. Der eine mit Erfolg, so scheinbar, treibt seine Geschäfte und die Menschen um sich herum vor sich her. Der andere, ausgespielt und auf der Strecke geblieben, spiegelt die Schattenseiten der „Entweder-oder-Mentalität" wider. Die direkten Nachkommen Hjalmar Ekdal (verzweifelt-ruhelos: Paul Grill) und Gerdis Werle (als weibliche Version der Sohn-Figur Gregers Werle, distanziert-verstörend: Anja Schneider) kommen nicht zurecht in dieser Welt, oder sollte man sagen: in diesem sterilen Versuchslabor. Sie erscheinen in ihren weißen Uniformen denn auch mehr wie Laborratten, denen man das Gift gezielt gespritzt hat, leise abwartend, wie viel davon man ihnen zumuten kann. Ibsen mutet seinen Figuren viel zu. Da ist der Verdacht Gerdis', der Vater habe Schuld am Tod der Mutter und am Ruin des Geschäftspartners Ekdal. Warum sonst hilft er dem Sohn Ekdals?

In diese verkorkste Menschlichkeit trottet dann als einzig emotional noch irgendwie zurechenbares Geschöpf die Tochter Hedvig (naiv- facettenreich ausgestaltet von Linn Reusse) mit ihrer Wildente hinein, die sie in einem Ding, irgendwas zwischen Handkarre und gläsernem Dornröschensarg hinter sich her zieht. Das Kind, das Naive, das Wahre, umgeben und dennoch irgendwie unverbunden mit den anderen Akteuren, die Ibsen da aneinander gekettet hat.

Regisseur Kimmig ist eine in sich stimmige und verstörende Inszenierung gelungen. Am Ende bleibt es Geschmackssache, ob man Lust hat, Empathie für Ibsens Laborversuch aufzubringen  - oder das ganze Spektakel schnell vergisst, weil man einfach keine Lust hat, Teil dessen zu sein.