Madame Pompadour im Theater Koblenz

Rokoko auf dem Thespiskarren

Leo Falls walzerselige Operette ist inzwischen aus dem Kernrepertoire verschwunden. Das hat Gründe. Zum einen klafft ein Widerspruch zwischen dem unbotmäßig-frivolen Libretto von Rudolph Schanzer und Ernst Welisch, das den aufmüpfigen Zeitgeist des Uraufführungsjahres 1922 präzise einfängt, und der im Gegensatz dazu um ein Vierteljahrhundert verspäteten Musik beinahe in der Manier eines Millöcker und Zeller. Zum anderen steht neben hinreißenden Nummern kompositorische Konfektionsware.

Sei dem, wie ihm sei, am Theater Koblenz wird dies alles zu Gunsten erfrischenden und charmant servierten Unterhaltungstheaters überspielt. Regisseurin Sandra Wissmann bricht die höfische Sphäre ironisch auf, um das Stück als Produktion einer ambulanten Theatertruppe zu präsentieren. Deren ebenso emanzipierte wie resolute, attraktive und die Partnerwahl dominierende Prinzipalin spielt sich als Titelfigur selbst, sorgt aber schon im eigenen Interesse für Profilierungsmöglichkeiten auch im Ensemble. Wissmann spendiert auf solch metatheatralischer Spur dem Affen reichlich, aber pointensicher dosiert Zucker. Die Scharniere des musikalischen Lustspiels knirschen nur dann, wenn sie sollen, dafür aber desto vernehmbarer.

Für alles dies bedenkt Dirk Becker die muntere Schar der Spielenden mit einem enormen Thespiskarren, vor dem die Wandertruppe ihre Bühne aufgeschlagen hat. Im linken Winkel des Bühnenportalrahmens baumelt ein Galgenstrick. Kunst und Liebe sind gefährliche Angelegenheiten. Uta Meenen ersinnt in ebenso deutlicher wie freier Anspielung auf das Rokoko für die Damen bis hin zu den Strumpfbändern berückend detailverliebte Garderobe. Indessen lugt, wie auch immer kostümiert, unter der Prinzipalin immerfort die Colombine der Commedia dell’arte hervor.

Einnehmend wie die szenische ist auch die musikalische Seite. Den überaus spielfreudigen Chor des Hauses inspiriert Aki Schmitt, sich auch vokal spritzig und kess ins Geschehen zu mengen. Karsten Huschke schärft mit dem Staatsorchester Rheinische Philharmonie den Klang aus dem Graben in Richtung auf die mehr aus dem Libretto als aus der Musik sprechende Frechheit und Frivolität. Charme und Süffigkeit der Partitur bleiben erhalten.

Désirée Brodka ist die Titelpartie auf den Leib und in die Kehle geschrieben. Elegante Lässigkeit, Esprit, Schlagfertigkeit, vokale Strahlkraft und attraktive Stimmfarben, Brodka verfügt über die entscheidenden Eigenschaften einer Operettendiva. Theresa Dittmar ist eine ebenso quirlige wie stimmschöne Belotte. Als Madeleine überzeugt Isabel Mascarenhas. Maximilian Mayer gibt einen ganz auf der Linie tenoraler Schönheit singenden höhensicheren René. Christof Maria Kaiser ist ein pfiffig-liebenswerter Calicot. Thomas Schweiberer macht aus Ludwig XV. einen amüsanten Popanz. Den Polizeiminister Maurepas verkörpert Reinhard Riecke als Ausbund an Selbstüberschätzung und Inkompetenz.