Titus im Theater Osnabrück

Liebe, Mord und Intrigen

Milde und Vergebung zahlen sich nicht aus. Denn die Mächtigen im Reich brauchen jemanden an der Spitze, den sie beeinflussen können und der ihre Interessen mit Härte durchzusetzen bereit ist. Und so muss Kaiser Titus eben sterben, nachdem er alle Intrigen gegen ihn überlebt und seinen Feinden vergeben hat. Er stirbt - wie einst der große Caesar - unter Dutzenden von Messerstichen. Das Volk erweist sich als als eiskalte Mörderbande; gleichwohl hat es den Kaiser vorher balsamisch gepriesen.

Regisseur Hendrik Müller hat mit seinem Team dieses blutige Ende für Mozarts La clemenza di Tito erdacht und es schon im Verlauf des Abends vorbereitet. Denn Marc Weeger stellt ein antikes Regierungsgebäude mit einer Herrscherstatue auf die Bühne. Doch unter den intakten Symbolen eines gefestigten Systems befindet sich ein Kellergewölbe, felsenreich und mit Gängen durchzogen. Durch diese Gänge treten die Verschwörer gegen Titus auf und ab, unterhöhlen so gleichsam den scheinbar fest auf Stein gebauten Staatsapparat. Das ist ein sehr sprechendes, doch wenig raffiniertes und praktikables Bild. Aber es taugt, um Müllers Grundidee vom Titus zu verdeutlichen. Ihm geht es darum, politische Ränkespiele darzustellen, die sich mit Liebeswirren mischen.

Wolfgang Amadeus Mozart hat in seiner Oper La clemenza di Tito aber noch vielschichtiger gearbeitet. Scheinbar griff er auf überwunden geglaubte musikalische Darstellungsformen zurück, hat aber in seiner letzten Oper manifestiert und perfektioniert, was er auch in seinen anderen Musiktheaterwerken gezeigt hat: Er kann Menschen bis auf den Grund ihrer Seelen schauen. Man muss im Titus nur genau hinhören, um zu erkennen, dass Seelenqualen, empfundene Liebe, die sich nicht vertragen wollen mit Wertvorstellungen wie Treue und Prinzipienfestigkeit, in Mozarts Musik offenbar werden. Und das ist das große Faszinosum dieser Oper, welches aufzuspüren und inszenatorisch umzusetzen viel Feingefühl bedarf. Einen Fokus darauf, die Charaktere der Figuren auszuleuchten, legt Hendrik Müller nur am Rande, erzählt dafür aber eine kräftige Love-and-Crime-Story, die anzusehen und anzuhören sich allemal lohnt.

Neben dem wirklich toll singenden Chor bietet das Theater Osnabrück prima Solistinnen und Solisten auf, die mit Forschergeist in ihre Rollen hineinhören. Erik Rousi als Publio ist unerschütterlich in seiner Treue zum Kaiser, obwohl er sich von ihm ein härteres Durchgreifen wünscht. Annio (Anna Kudriashova-Stepanets) und Servilia (Julie Sekinger) sind ein Liebespaar, das unverbrüchlich zueinander hält. Kudriashova-Stepanets berührt mit ihre Treue zum Freund Sesto, dessen Umsturzpläne Annio trotz Zweifeln unterstützt. Als Titus sich Servilia zur Gattin wählt, weist sie ihn zurück und gesteht ihre Liebe zu Annio. Sekinger tut dies mit scheinbar süßer unschuldiger Stimme, erweist sich aber in ihren Vorstellungen eisenhart - eine Magnolie aus Stahl.

Sesto liebt Vitellia bis zur Raserei und ist zugleich Titus‘ Freund. Das kann nicht gut gehen! Olga Privalova bringt vor allem die Liebe, die sie willenlos macht, ganz wunderbar mit ihrem gerundeten Mezzosopran zur Geltung. Vitellia will nur eins: Macht und Einfluss! Marysol Schalit kommt daher wie eine echte Opernprimadonna: Schaut her, hier bin ich und wer kann mir widerstehen. Das untermauert sie mit einem makellosen Ton nach dem anderen. Ihren Zusammenbruch und ihre Einsicht mag man ihr nicht abnehmen. Denn auch ihre große Arie „Non piu di fiori“ singt sie mit Riesen-Furor und voller Rachegelüste.

Und Titus? Er ist scheinbar die Ruhe selbst, geprägt von Milde und der Fähigkeit zu vergeben. Selbst der Aufstand seines besten Freundes Sesto evoziert eine großer Trauer und die Frage nach dem Warum? Aljoscha Lennert singt ihn ebenmäßig mit einem Grundton von Traurigkeit.

Allen Ensemblemitgliedern fehlt noch ein kleines Stück des Weges zur vollständigen Durchdringung ihrer Charaktere. Aber die wird sicherlich gelingen.

Das Osnabrücker Symphonieorchester unter Andreas Hotz nähert sich dem Titus gut durchhörbar, aber mit etwas zu wenig Wärme und Emphatie für das Geschehen auf der Bühne. Reichlich Applaus gibt es für eine gelungene Inszenierung, die stellenweise aber wie ein „Work in Progress“ daherkommt.