Flight im Oldenburgisches Staatstheater

Der Traum vom Fliegen

Tragödie oder doch eine - wenn auch bittere - Komödie? Jonathan Dove changiert in seiner Oper Flight geschickt zwischen den Genres und öffnet so ein weites Feld für einen ganz breiten Spielraum für Emotionen. Die Szenerie: Auf einem Flughafen sitzen Passagiere fest. Wegen eines Unwetters geht absolut nichts mehr. Unter ihnen ein Flüchtling, der wegen fehlender Papiere weder weiter kann noch zurück kommt. Er versucht sich einzurichten und die Fluggäste anzuschnorren, um seinen Lebensunterhalt zu sichern. Über allem thront im Tower die „Controllerin“, die absolute Herrscherin über den Flughafen. Sie greift immer wieder ganz egoistisch in das Geschehen ein - eine gottähnliche Figur.

Man kennt die Situation aus vielen Stücken auf der Theaterbühne: in einem „geschlossenen Raum“ werden Gefühle offenbar, die sonst nie ans Tageslicht gekommen wären. Das ist auch in Flight so, aber Dove geht das Ganze nicht tiefgründig-tragisch an, sondern führt letztlich alles zu diversen Happy-Ends. Da sind Tina und Bill, die ihre eingefahrene Beziehung mittels eines Ratgebers im Urlaub neu beleben wollen und die Frau, die vergebens auf ein Wiedersehen mit ihrem jungen Urlaubsflirt hofft. Da ist das Flugbegleiterpaar, das sich immer irgendwo auf der Welt für einen schnellen Fick in irgendeiner Ecke irgendeines Flughafens trifft. Und das Paar, das bald ein Kind erwartet. Er will einen neuen Job in Minsk antreten. Sie ist nicht recht überzeugt und fliegt nicht mit.

Kobie van Rensburg schafft für das Geschehen eine geniale Umgebung. Nicht nur eine Flughafen-Wartehalle ist zu sehen. Über eine eingespielte Gangway sieht man animierte Passagiere huschen, die den Flughafen beleben und ständige Betriebsamkeit erzeugen. Über allem werden Video-Sequenzen der Controllerin eingespielt, die ihre scheinbare Überlegenheit bezeugen. Van Rensburg spielt auch mit den Übertiteln, blendet sie mal direkt, mal tröpfelnd ein, und verschriftlicht zur direkten Erheiterung des Publikums auch Vokalisen. Doch auch da, wo es wirklich um „die Wurst“ geht, hat der Regisseur eine sichere Hand. Seiner Personenführung mangelt es nie an Deutlichkeit. Das ist stets sehr berührend.

Großer Orchesterklang ist Jonathan Doves Sache nicht. Er setzt viel mehr einzelne Instrumentengruppen gezielt ein, um Emotionen zu kreieren und deren Kurven auf- und abschwellen zu lassen. Dabei komponiert er virtuose Ensembles, die an Rossini gemahnen. Das klingt alles fein und sehr delikat.

Am Ende wird alles - oder fast alles - gut: Das ist eine absolute Seltenheit im Opernrepertoire. Die ältere Frau wird weiterhin verreisen und auf eine neue Urlaubsbekanntschaft hoffen. Derweil gibt sie sich bodenständig mit dem Beamten der Einwanderungsbehörde zufrieden. Das Paar, das nach Minsk reisen will, findet wieder zusammen und bekommt im Flughafen sein Kind. Die Flugbegleiter merken, dass das Hocken an einem Ort nicht ihr Ding ist und werden sich weiter für kurze Dates treffen. Bill macht eine neue Erfahrung mit einem Joint und schwulem Sex. Dann bekommt er einen Schlag auf den Kopf, verliert sein Gedächtnis - und schon kann die Beziehung mit Tina einen neuen, unbelasteten Anfang nehmen. Das alles hat natürlich einen ganz gehörigen Anklang von Kitsch, den Dove musikalisch auch ganz unbefangen umsetzt. Relativiert wird das durch das weitere Schicksal des Flüchtlings: Er erfährt, dass sein Bruder mit seinen Papieren beim Fluchtversuch umgekommen ist. Er muss dauerhaft im Flughafen leben. Und die Controllerin hat bekommen, was sie wollte: Einen Gefährten in der Einsamkeit, die trotz hektischen Betriebs im Airport herrscht.

Musikalisch wird das im Oldenburgischen Staatstheater ganz großartig umgesetzt. Die gestrandeten Passagiere sind gesanglich voll auf der Höhe, füllen ihre Charaktere auch darstellerisch auf hohem Niveau aus. Nicholas Tamagna ist ein erschütternder Flüchtling, der stimmlich die komplette Palette der Gefühle eindringlich zu präsentieren weiß. Martha Eason als Controllerin leistet wahre Schwerstarbeit: Ihr Sopran ist immer wieder bis an die Grenzen gefordert - mal herrisch und stahlhart, mal fast sanft bittend.

Vito Cristofaro leitet das Staatsorchester. Ganz transparent und durchhörbar bringt er Doves Partitur mit viel Glanz zur Geltung. Ein Abend, der nicht nur diejenigen besänftigen kann, die Neue Musik per se ablehnen. Doves Oper wäre auch für absolute Anfänger im Genre Musiktheater zu empfehlen. Flight könnte da echte Überzeugungsarbeit leisten.