The Silence im Schaubühne Berlin

Der Rest ist Schweigen

Alle Homosexuellen, die selbstbewusst und selbstbestimmt ihr Leben in Deutschland führen, aufgepasst: Falk Richter erklärt Euch, dass Ihr umgeben von Feinden seid! Bösartige Heterosexuelle, die Euch mobben, Aids an den Hals wünschen, Euch verprügeln, so dass Ihr Euch gar mit Waffen ausstatten müsst, um Euch im Gefecht irgendwie verteidigen zu können.

Der erfolgreiche und profilierte Autor Falk Richter hat offenbar einiges zu verdauen, dieser Eindruck entsteht jedenfalls, wenn ich mir The Silence an der Berliner Schaubühne ansehe. Die Erwartungshaltung war ganz anders, denn ich hatte mich auf das Stück gefreut, sah ich doch Up in my Room von Falk Richter am Berliner Gorki Theater. Da ging es um das „Coming out“ von Schwulen, allerlei innerer Kämpfe und Beziehungsführung innerhalb gleichgeschlechtlicher Beziehungen. Das war witzig, pointiert, aber auch ernst, ausgestattet mit teilweise süffisanten Dialogen und professionellem Abstand zum Thema.

Letzteres löst sich nun auf in The Silence. Bitterböse zeichnet Richter (1969 geboren) Fehlverhalten seiner Familie nach, und würde nicht wenigstens One-Man-Show-Schauspieler Dimitrij Schaad sanft aufspielen, hätte das ganze Stück irgendwie Schaum vor dem Mund.

Wie wurde die schon im Teenageralter sich abzeichnende schwule Identität des Autors von den Eltern unterdrückt und bekämpft?“, fragt die Schaubühne zu dem Stück The Silence.

Richter gibt Einblicke, vielleicht zu viele Einblicke? Doch extrem persönliche und seine Familie in keinem guten Licht erscheinen lassende Passagen sind es, die Befremden bei mir auslösen. Sicherlich, individuelle Traumata mögen bei Richter noch nicht aufgelöst sein, aber ist es der richtige Weg, die eigene Familie öffentlich derartig bloß zu stellen? Was ist mit einer abstrakteren Einordnung individueller Verletzungen? Stammen Richters Eltern doch aus einer ganz anderen Zeit, in der Homosexualität gesamtgesellschaftlich noch tabuisiert und kriminalisiert wurde. Stammen Richters Eltern aus einer von Kriegstrauma gezeichneten Generation.

Und so mache Interpretationen im Text, erscheint einfach nicht plausibel, etwa, dass es ein Zeichen aktueller Homophobie sei, dass noch kein Impfstoff gegen Aids entwickelt worden sei. Da sei darauf hingewiesen, dass es auch noch keine durchschlagende Therapie für Multiple Sklerose gibt oder eine Pille gegen Volkskrankheit Krebs. Krankheiten, von denen Homo- und Heterosexuelle gleichermaßen betroffen sind.

Beim Herausgehen sagt eine junge Frau zu ihrer männlichen Begleitung: „Na, da haben einige aber an den falschen Stellen gelacht!“ Vielleicht haben die Zuschauer*innen aber auch einfach an den richtigen Stellen gelacht, erscheinen manche Passagen in The Silence aufgrund überzogener Interpretationen doch unfreiwillig komisch.

Hervorgehoben sei das wirklich schöne, poetische Bühnenbild von Katrin Hoffmann.