Rusalka im Opéra Royal de Wallonie

Machoprinz hetzt Wasserfrau zu Tode

Die Nixe nimmt viel auf sich: den operativen Eingriff, der ihre Schwanzflosse in zwei Beine zerteilt, Stummheit und schließlich den Fluch im Fall des Scheiterns im Ringen um die dauerhafte Zuneigung des geliebten Prinzen. Schwerlich kann das gutgehen. Und tatsächlich bleibt Rusalka auf der Strecke. Die höfische Gesellschaft sieht in ihr wenig mehr als die herrscherliche Jagdbeute. Die mit allen Wassern der Verführung, Etikette und Intrige gewaschene fremde Fürstin sticht sie im Ringen um die Gunst des Geliebten aus. Kein Zweifel, Regisseurin Rodula Gaitanou sieht in Rusalka das Opfer einer auf Erfolg und fixierte Geschlechterrollen getrimmten Menschenwelt. Dem Wasserwesen bleibt nicht der Hauch einer Chance. Die Spielleiterin spitzt zu, wohin bereits Jaroslav Kvapils Libretto tendiert. Dazu lässt Gaitanou den Prinzen und sein Jagdgefolge nicht auf Reh und Hirsch pirschen, sondern auf Fische, Krebse und alles, was Flüsse und Seen bevölkert. Rusalka ist jagdbares Wild. Selbst nachdem die Hexe Jezibaba ihr zur Menschengestalt verholfen hat, wittert die Ballgesellschaft im Schloss des Prinzen den Fischgeruch. Die vornehme Welt hat sie zum Fressen gern. Ein erwünschter Nachschlag, auch wenn das kaum beendete Souper ebenso üppig wie ausschließlich mit nun bis auf die Gräten abgefressener Wasserfauna aufwartete. Dass es beim Begrapschen bleibt, bewirkt ausschließlich Rusalkas Status als des Prinzen Braut. Diese Position aber ist fragil und durch die fremde Fürstin gefährdet. Als der Prinz der menschgewordenen Nixe überdrüssig wird wie eines Spielzeugs, das nicht richtig funktioniert, erwacht Rusalkas Selbstbewusstsein. Sie entledigt sich des Korsetts, in das der Geliebte sie eingeschnürt hatte, und wirft es ihm vor die Füße. Rusalka kehrt der Menschenwelt den Rücken und flieht an den See. Der Kontrakt mit Jezibaba schließt die Heimkehr zu den Wasserwesen aus. In dieser völligen Aussichtslosigkeit findet die junge Frau zu gänzlicher Gelassenheit. Im vom Mond beschienenen Schaukelstuhl erwartet sie des Prinzen und ihr eigenes Ende.

Fern von jedem Naturalismus atmet die Seen- und Waldwelt in Cordelia Chisholms Bildern reine Poesie. Wasserreich und Forst gehen eine Synthese aus Schönheit und Magie ein, in der Konkretes und Abstraktes sich in völligem Gleichgewicht befinden. Hingegen herrscht im Ballsaal des Prinzenpalastes optische Konventionalität. Dass aber die menschliche und die Sphäre der Naturwesen grundsätzlich miteinander verbunden sind, bezeugt eine gusseiserne Wendeltreppe, die – gleich einem Rückgrat - vom Himmel herab durch den Palast bis in die Tiefen des Sees führt. Bei Chisholms Kostümen vereinen sich die Schwanzflossen der Wasserwesen nahtlos mit Nixenkleidern und dem Gehrock des Wassermanns. Natur und Kunst befinden sich in völligem Einklang. Alles dies taucht Simon Corder in lyrische Lichtstimmungen.

Der faszinierenden szenischen Seite dieser Produktion entspricht die oft tief ins Gemüt greifende musikalische. Giampaolo Bisanti erschließt mit dem Orchester der Hauses die poesiegetränkte Grundstimmung der Partitur. Darin eingebettet, lässt sich Folkloristisches und Tänzerisches vernehmen. Das leitmotivische Geflecht verschafft sich im slawisch-warmen Orchesterklang unaufdringlich Geltung. Corinne Winters ist Rusalka. Vokal und spielerisch lotet Winters Facetten von Sehnsucht im Mondenschein, über den Verzweiflungsausbruch der schnöde vom Geliebten Verratenen bis zu gelassener Todesbereitschaft aus. In einigen Wochen wird sie die Rusalka der Wiener Staatsoper sein. Das Publikum an der Donau darf sich auf sie freuen. Durchschlagskräftig, höhensicher und auf Linie singend gibt Anton Rositskiy den Prinzen als charmanten Macho, dem keinen Augenblick über den Weg zu trauen ist. Stimmlich zugleich groß formatiert und kultiviert bekundet Evgeny Stavinskys Wassermann seine Liebe und Solidarität für die Tochter. Obwohl kein Zweifel an ihrer diebischen Freude bleiben kann, anderen Menschen Schaden zuzufügen, hält sich bei Nino Surguladze das Abstoßende Jezibabas in Grenzen. Jana Kurucová ist ein Biest von fremder Prinzessin. Auch alle weiteren Rollen sind ausgezeichnet besetzt.