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Zukunftsmusik im Berlin, Gorki-Theater

Sowjetische Geschichten aus Sibirien

Am 11. März 1985 stirbt Konstantin Tschernenko, das damalige Staatsoberhaupt der Sowjetunion, unmittelbarer Vorgänger von Michail Gorbatschow, der in den Folgejahren mit Glasnost und Perestroika den großen Umbruch in der Sowjetunion einleitet und deren Ende beschleunigt. An diesem 11. März 1985 im kalten Sibirien spielt der 2022 erschienen Roman und das jetzt im Gorki-Theater adaptierte Stück. Es passiert wenig, es gibt keinen dramatischen Konflikt, aber die Dialoge sind durchaus geschliffen.

Es geht nicht um Bosse, Bonzen oder Dissidenten. Wir erhalten einen Einblick in das vermeintlich normale Leben von Menschen in einer sowjetischen Kommunalka, einer ärmlichen Gemeinschaftswohnung, in der sich mehrere Parteien Bad und Küche teilen müssen. Im Zentrum stehen drei Frauen und ein Kind: Oma Warwara (Ursula Werner), von Beruf Hebamme, deren Tochter Maria (Çigdem Teke), Aufsichtskraft in einem Naturkundemuseum, Enkelin Janka (Via Jikeli), Arbeiterin in einer Fabrik. Janka ist alleinerziehend mit kleiner Tochter und träumt von einer Karriere als Sängerin. Am Abend will sie in der Küche ein Konzert geben für zehn bis zwanzig Leute und - so hofft sie - einem Mann aus der Musikszene von Leningrad. Die Oma hat eine heimliche Affäre mit Schlafwagenschaffner Ippolyt (Marc Benner), der ebenfalls in der Kommunalka wohnt. Maria erhält im Naturkundemuseum Besuch von einem Mitbewohner, dem Ingenieur Matwej (Doga Gürer). Der ist in sie verliebt, kann das aber nicht äußern und sie scheint es nicht zu bemerken.

Die beengte Wohnsituation zeigt die Inszenierung auf der Drehbühne. Die kleinen Zimmerchen im Dreieck geschnitten erinnern an Tortenstückchen. In einem davon steht ein Dreier-Hochbett, die Heimat der drei Frauen mit Kind. Realistisch und spärlich eingerichtet ist das Badezimmer mit mehreren Waschbecken, überhöht dagegen das Zimmer von Ingenieur und Partei-Anhänger Matwej. Seine gesamte Wand hat er mit Schubladen ausgekleidet, Symbol für die Bürokratie des Systems.

Von Aufbruch und Beginn einer neuen Zeit ahnen die eher melancholisch angelegten Figuren des Stückes nichts. Sie gehen wie jeden Tag zur Arbeit, sehnen sich nach Glück oder einem besseren Leben in Leningrad oder Moskau. Klammer der handlungsarmen Aufführung ist die Musik. Am Anfang steht der Trauermarsch von Chopin, am Ende soll ein Konzert in der Küche stattfinden.

Eine Aktualisierung des Stoffes findet nicht statt. Die Inszenierung von Nurkan Erpulat bleibt im Jahr 1985. Sie schwankt unentschieden zwischen biederem Realismus, einer getragenen Spielweise im Stil von Tschechow und einem satirischem Zerrbild. Im Naturkundemuseum etwa sitzt Maria auf einem winzigen Kinderstühlchen vor einem ausgestellten Elch, von dem allerdings nur riesige Beine und Hufe zu sehen sind. Ihr heimlicher Verehrer Matwej trägt ein spaßiges Retro-Kostüm, das an Peter Frankenfeld erinnert. Er, wie die anderen männlichen Figuren, sind in Kostüm und Spielweise deutlich karikiert. Die Frauen dagegen zeigen sich eher traurig, widerständig, ein bisschen zickig gegeneinander. Im Kontrast zu den Männern sind sie bunt, frühlingshaft gekleidet, als Gegenentwurf zur tristen Umwelt und als Hoffnung auf eine bessere, fröhlichere Zeit. Ein durchlaufendes Thema ist das angekündigte Konzert in der Küche. Es findet dann aber nicht statt, weil, aus heiterem Himmel, der Abriss des Hauses angekündigt wird und die Bewohner sofort ihre Koffer packen müssen. Das System durchkreuzt willkürlich die Lebensplanung der Menschen. Als Zuschauer aber denkt man, die Einrichtung eines Konzerts zum Abschluss müsste doch jeden Regisseur reizen.

Da aber hat sich das Gorki-Theater eine schlagkräftige Überraschung einfallen lassen. Es folgt - nach der Vorstellung - ein echtes Konzert von der russischen Kombo Stoptime (Naoko und Alexandr Orlow), die am 15.10.2025 verhaftet und zu 13 Tagen Gefängnis verurteilt wurden, „weil sie auf den Straßen von Sankt Petersburg verbotene, gegen das russische Regime und den Krieg in der Ukraine gerichtete Lieder gesungen hatten", wie ein Programmflyer informiert. Die Verurteilung der jetzt nach Berlin geflohenen Sängerin ging durch die Medien. Mit ihrem Auftritt frischt sie die eher getragene Inszenierung auf und verschafft der letzten Ensemble-Inszenierung am Gorki-Theater unter den Leitung von Shermin Langhoff eine hohe Aktualität.

Bei alledem fragt man sich, warum die Bühne ausgerechnet dieses vor 40 Jahren in der Sowjetunion angesiedelte Werk zum letzten Ensemblestück der 13jährigen Intendanz auf den Spielplan gesetzt hat. Vielleicht weil hier deutsche Schauspielerinnen und Schauspieler mit türkischen Namen und einer auf Deutsch schreibenden Autorin mit russischem Namen zusammenfinden? Ein markanter Abschied des postmigrantischen Theaters ist es jedenfalls nicht.