Übrigens …

Egal im Schaubühne Berlin

Unterhaltsame Zimmerschlacht um Rollenbilder

Das Zweipersonenstück, ein Mann, eine Frau, folgt einer als eher altmodisch verschrienen Dramaturgie, der Einheit von Ort, Zeit und Handlung. Ort ist ein Wohnzimmer, die Zeit ist heute, die Handlung so lang wie das Stück dauert, eindreiviertel Stunden. Das Wohnzimmer von Simone (Marie Burchard) und Erik (Stefan Stern) ist mit ein paar Vintage-Möbeln schlicht ausgestattet: Kommode, zwei Lampen, schnörkelfreier Esstisch, gedeckt mit Tellern, Gläsern, einer Rotwein-Flasche. Simone, von Beruf Ingenieurin mit gutem Gehalt, kommt nach Hause von einer anstrengenden Dienstreise. Sie hat ein Geschenk für ihren Mann mitgebracht, das er nicht öffnen will. Er, Übersetzer für niederländische Literatur, meint, sie habe ein schlechtes Gewissen. Nein, betont sie, sie habe ihm einfach etwas mitgebracht, darüber würden sich normale Leute freuen. „Dann bin ich eben nicht normal“, entgegnet Erik und so starten die beiden in eine sehenswerte, humorvoll und hochpräsent gespielte Zimmerschlacht.

Erik wirft ihr vor, dass sie sich nicht für sein Leben zu Hause interessiert, sondern mehr für ihren Chef und ihren Job. Er habe, so klagt er, eine entsetzliche Woche hinter sich, erlebte Arbeitsblockaden, hing ständig bei Ärzten herum, weil der Sohn von wiederkehrendem Nasenbluten geplagt war. Simone geht zunächst empathisch darauf ein „Warum hast du mir das nicht gesagt?“ „Warum“, treibt er die Vorwurfshaltung weiter: „Weil das noch mehr Stress bedeutet hätte. Du hättest sowieso nicht kommen können.“ Sie kontert, dass er keine Ahnung habe von ihrem Job, den Auseinandersetzungen mit Kunden und den Vorgesetzten. Die beiden gehen kräftig, schonungslos, immer ein bisschen boulevardesk in die Vollen um alltägliche Themen wie Liebe und Partnerschaft, Kinder und Karriere, Krankheiten und Arbeitswelt bis zur Grundsatzdebatte: Funktioniert Gleichberechtigung überhaupt? Sie sahen sich dereinst als Avantgarde, die Familie und Berufstätigkeit entspannt unter einen Hut bringen kann. Und jetzt?

Im Raum steht die berührende Frage: Trennen sich die beiden oder versöhnen sie sich? In dieser Situation erfindet der Autor und Regisseur Marius von Mayenburg eine überraschenden Trick. Er dreht die Rollenverteilung einfach um. Mit kleinen Änderungen von Kostüm und Frisur wird Stefan Stern als Erik zum heimkehrenden Ingenieur, der ein Geschenk mitbringt. Marie Burchard als Simone will kein Mitbringsel. Sie zeigt sich von ihrer Hausarbeit mit Übersetzer-Job überfordert und steht noch unter Schock, weil ihr niederländischer Autor den Freitod wählte. Die beiden traktieren sich mit nahezu den gleichen Worten wie in den vorher gehörten Dialogen, aber die wirken ganz anders, weil sie auch die Spielweise wunderbar ändern. Gab sie vorher die moderne Business-Frau und er den geplagten Care-Vater, so steht jetzt das traditionelle Rollenbild im Fokus. Er übernimmt die Attitüde des handfesten Geldverdieners, sie zeigt eine der Depression nahe Hausfrau mit künstlerischem Nebenjob.

Das Rollen-Switchen geschieht - für uns Zuschauer ohne Problem nachvollziehbar - noch weitere Male bis zum Ende. Erst dann entpuppt sich das Geschenk als Champagner-Flasche, mit der die Ingenieurin oder der Ingenieur eigentlich einen Karrieresprung feiern wollte. Der findet dann aber nicht statt, sondern führt zu weiterem Beziehungsknatsch. Jetzt klärt sich das titelgebende Egal. Wie dem auch sei! Ob Mann oder Frau sich verwirklichen wollen, das Alltagsleben bleibt komplex und schwierig.

Das Zusammenspiel von Marie Burchard und Stefan Stern ist brillant, dicht und unterhaltsam. Beide agieren glaubhaft, wenn sie die Stacheln ausfahren, sich zurückziehen, angreifen und angegriffen werden. Ihre Argumente vertreten sie nachvollziehbar, manchmal rücksichtslos, bleiben dabei aber trotzdem sympathisch. Regisseur und Autor Marius von Mayenburg lässt der Spiellust der beiden viel Raum, inszeniert klug und realistisch, mit Sinn für Komik und Timing.

Das Wort „Egal“ bedeutet so etwas wie unwichtig, in ihm steckt aber auch das französische „Égalité“ für Gleichheit. Das hier gezeigte Paar bemüht sich redlich um Gleichberechtigung im Alltag, stößt aber auch an die Grenzen der Wirklichkeit und hat alte Rollenbilder noch nicht ganz überwunden. Mit Bertolt Brecht gesagt: Aber das höhere Streben ist ein schöner Zug.