Übrigens …

Die Welt im Rücken im Schauspiel Stuttgart

Echos einer Krankheit

Ich muss von einem Verlust berichten.” lauten die ersten Worte. Schnell wird klar, bei einem Verlust wird es nicht bleiben. Zunächst Bücher, die Bibliothek, Geld, dann die psychische Gesundheit, der Status quo und zuletzt ist sogar “Die Zeit [...] verloren und ich in ihr.”

Thomas Melle schrieb 2016 mit Die Welt im Rücken einen autofiktionalisierten Bericht seiner psychischen Erkrankung - der bipolaren Störung - mit dem er sogar auf der Shortlist des deutschen Buchpreises landete. Melle skizziert dabei nicht nur das Krankheitsbild zwischen Manie und Depression, sondern beschreibt in sehr persönlicher, emotionaler und direkter Manier das Leben mit der Erkrankung. Mit ungeschönter, aber geschickt konstruierter Offenheit eröffnet der Autor Einblicke in sein Leben, ohne in Selbstmitleid, Melancholie oder Kitsch abzurutschen. Ganz im Gegenteil, Melle findet einen sachlichen, teilweise sogar humoristischen Ton, der die Facetten seines Leidenswegs authentisch zur Schau stellt ohne dabei an Emotionalität einzubüßen und stattdessen die Enttabuisierung und Sensibilisierung dieses Themenkomplexes fördert.

Mit der Adaption des Textes für die Bühne trägt auch das Medium Theater dazu bei. Wie gelingt es aber etwas Ungreifbares, wie eine psychische Erkrankung, für ein Publikum aus der abstrakten Ebene der Literatur zu heben und für die Bühne darstellbar zu machen? Regisseurin Lucia Bihler findet dafür in ihrer kürzlich zum Berliner Theatertreffen eingeladenen Inszenierung bemerkenswerte Lösungen. Bekannt für ihre hoch ästhetischen und differenziert subtilen Inszenierungen, destilliert sie die Essenz aus Melles Text und übersetzt ihn in eine expressive Körper- und Bildsprache. Die Bühne von Paula Wellmann ist dabei zunächst vollständig in rosa Vorhänge gehüllt, die erst später eine gleichfarbige Wand mit Drehtür und schließlich ein opulentes Podest freigeben. In die pinke Monochronie reihen sich auch die Kostüme von Victoria Behr ein und sorgen mit den knallroten Anzügen mit dicken Arm- und Rückenpolstern für einen passend verschrobenen Kontrast, der Bihlers krude, artifizielle Ästhetik unterstreicht.

Trotz des Monolog-Charakters des Werks finden sich gleich sieben, quasi identisch aussehende Schauspieler*innen in dem rosa Albtraum wieder. Ihnen voran steht Paulina Alpen, die Thomas Melle spielt und von Tim Bülow, Pauline Großmann, Felix Jordan, Mina Pecik, Karl Leven Schroeder und Silvia Schwinger, als “Doppelgänger” begleitet wird. Alpen manövriert den bipolaren Melle mit einer solch gewaltigen Präzision durch die manischen Höhenflüge und depressiven Abstürze des Autors, dass dem Publikum keine andere Wahl bleibt, als im besten Sinne überwältigt zu sein. Ob in ekstatischer Feierstimmung, aggressiver Zerstörungswut, obszöner Lust oder tiefer Leere vor bzw. während eines Selbstmordversuchs, Alpen überzeugt unentwegt. Auch die “Doppelgänger”, die Alpen wie ein Schwarm umgeben und teils als Antagonisten, teils als Echos der Krankheit um sie schwirren, meistern das Gefühlschaos bravourös und prägen durch ihre seltsame Kongruenz die latent unheimlichen Stimmung des Abends.

Die starke Künstlichkeit der Inszenierung wird nicht nur durch die prägnante Ästhetik der Kostüme und der Bühne oder des gelegentlich plakativen Mickey Mousings betont, sondern auch insbesondere durch die von Björn Leese präzise choreographierten Bewegungsstrukturen des Ensembles unterstrichen. Gerade diese unnatürliche Konformität ist es, die der Inszenierung einen surrealen Horrorcharakter verleiht und dabei in geschickter Weise dazu beiträgt, die abstrakte und ungreifbare Schwere der Krankheit motivisch zu veranschaulichen. Perfekt dosiert hält Bihler die Balance zwischen tragischen, schwermütigen Stationen Melles und charmant humoristisch aufgeladenen Szenen, die dennoch eindrückliche Einblicke in die Dynamik einzelner Stimmungsausbrüche ermöglichen - etwa Sex mit Madonna, eine Auseinandersetzung mit Picasso oder Begegnung mit Sängerin Björk. Ohne dabei albern oder übertrieben zu wirken, gliedern sich auch diese Szenen sowohl ästhetisch als auch inhaltlich passend in das Gesamtbild ein und sorgen gerade durch ihren Humor nicht nur für einen geschickten Ausgleich der permanenten Anspannung, sondern auch dazu, dass die Schwere der Thematik die Inszenierung nicht erdrückt.

Lucia Bihler gelingt es insgesamt durch kluge Mittel, ein abstraktes und schwer greifbares Thema auf geschickte Art nicht nur zu visualisieren, sondern auch emotional erlebbar zu machen. Die Idee, den Text nicht als reinen Monolog zu spielen, sondern mit sieben Ensemblemitgliedern in einen losen Raum mit kruder, fast schon gruseliger Ästhetik zu setzen und das Werk nicht nur durch Worte, sondern insbesondere durch Bildgewalt, Körpersprache und Motive sprechen zu lassen, geht wunderbar auf und zeugt nicht nur von Bihlers künstlerischer Genialität, sondern auch von ihrer Fähigkeit die Essenz der Werke zu erkennen und zu veranschaulichen. Gemeinsam mit einem ausgezeichneten Ensemble - allen voran der großartigen Paulina Alpen - entwickelt die Inszenierung eine bemerkenswerte Sensibilität für ihr abstraktes und schwieriges Thema und behauptet sich zugleich als künstlerisch anspruchsvoller, im besten Sinne fordernder Theaterabend.