Übrigens …

De Profundis im Berliner Ensemble

Die Leiden des Oscar W.

Jetzt fällt die Anspannung von ihm ab - derart sichtbar, als bröckelte eine Maske Stück für Stück von seinem Gesicht. Dabei trägt Jens Harzer zu diesem Zeitpunkt längst keinen Hauch der weißen Schminke mehr, die sein Antlitz zu Beginn des Abends gespenstisch aus dem Dunkel leuchten ließ. Der Schauspieler hat sie weggeschwitzt, abgewischt, abgespült im Laufe seines 105-minütigen Solos am Berliner Ensemble, das ihn bis zum Äußersten gefordert hat. Nun bläst er Luft durch die geschlossenen Lippen, verbeugt sich, legt angesichts der lauten Bravorufe dankend die Hand aufs Herz. Aber erst, als er lächelt, scheint der quälende Bann von Oscar Wildes Brief De Profundis allmählich von ihm zu weichen.

Als Strafe für das offene Ausleben von Homosexualität zu Zuchthaus und Zwangsarbeit verurteilt, schrieb Wilde aus der Haft an seinen Geliebten Lord Alfred Douglas. Vermutlich war es der Herausgeber Robert Ross, der dem Dokument den Titel gab, mit Bezug auf den Text von Psalm 130 („Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir“). Ob Douglas den Brief je in Gänze las, ist nicht sicher belegt: Er selbst bestritt später, ihn je erhalten zu haben. Intendant Oliver Reese hat daraus ein Einpersonenstück geformt, mit dem Jens Harzer im September 2025 sein Debüt als neues Ensemblemitglied gab.

Da spielt also einer, der gerade an der Spitze seines Berufsstands steht, einen Mann am Boden: Jens Harzer, Träger des legendären Iffland-Rings, einer der besten Schauspieler Deutschlands, schlüpft in die Rolle des inhaftierten Schriftstellers, des ehemals verwöhnten und exzentrischen Dandys, der an der Gefängnisstrafe und der gesellschaftlichen Ächtung zerbricht. Die Bühne von Hansjörg Hartung stellt ihn auf einen Sockel – und exponiert ihn zugleich. Das hohe, aber beklemmend enge Viereck ist ein dunkles Loch, von grellweiß leuchtenden Neonstäben umsäumt. Ein winziger Schemel, eine Plastiktüte, ein Foto an der Wand: mehr Requisiten gibt es nicht.

Mehr braucht es auch nicht, weil Jens Harzer das Innere seiner Figur so intensiv nach außen kehrt. Er führt das Publikum immer tiefer hinein in die Seelenqual eines Ausgestoßenen, der nach Antworten sucht. Der Rückschau hält, anklagt, analysiert, sich vom Menschen in eine Nummer verwandelt hat, zum Häftling C 3.3. Der Abend hat verstörende Momente: Wenn Harzer/Wilde davon spricht, die Bitterkeit aus sich herauszukriegen, dann einen toten Vogel in den Mund nimmt und zu würgen beginnt, wenn er zitternd auf einem Stuhl sitzt, sich wie im Wahn die Pulsadern aufbeißt oder seinen Körper in dem schmalen Käfig verkeilt.

Trotz aller Entäußerung gibt es so gut wie kein Gebrüll. Harzer spricht meistens nachdenklich, beinahe staunend, als müsse er selbst das Gesagte erst begreifen. Seine helle Stimme klingt zuweilen beinahe brüchig, aber was er als Oscar Wilde über Leid und Schmerz sagt, hallt gewaltig nach. Weit hebt er die Arme über den Kopf, als er über „das Ziel der Liebe“ spricht. Da strebt sein ganzer Körper nach oben; seine Finger tremolieren, als wollten sie den Text in die Luft schreiben. Einige dieser Textstellen werden von Orgelmusik unterstrichen. So hart Harzer/Wilde stellenweise mit sich selbst ins Gericht geht wegen des „Drecks“, in den er sich begeben habe, so schmerzlich berührt sein verzweifeltes Bestreben, weiter Künstler sein zu wollen.

Ganz ohne Schwäche ist die Theaterfassung von Oliver Reese nicht. Sie hat erkennbar Schwierigkeiten, einen Schlusspunkt zu finden, und fasert daher gegen Ende etwas aus. Der irritierend oft wiederholte Ausruf „Komm…!“ wirkt manieriert: Er soll wohl von der trotz allem nicht erloschenen Sehnsucht nach Lord Douglas zeugen. „Sprich zu mir!“ fleht Harzer/Wilde, als er endlich aus seinem Käfig klettern darf. Er traf den einstigen Geliebten nach seiner Haftentlassung in Rouen wieder. Einige Wochen lebten beide zusammen in Neapel, bis Freunde und Geldgeber massiven Druck ausübten und die Beziehung beendet wurde.

In Berlin endet der Abend mit dem ersten unsicheren Schritt in die Freiheit. Ein Großteil des Publikums erhebt sich. Jens Harzer steht da, erschöpft, zugleich fragil und bescheiden.