Luxus trifft Katalogware
Sollten sich Wagners „Wälse“-Rufe etwa verlaufen haben? So mag es fast scheinen, wenn der Tenor Piotr Becza?a in der Folterszene von Giacomo Puccinis Tosca den Schergen von Scarpia stimmlich Paroli bietet. „Vi sfiiiiiiiiiiiido!“ singt er aus dem Off, derart langgezogen und triumphal, dass deutlich wird: Dieser wagnergestählte Sänger muss keine Angst haben um seine Kraftreserven, muss sich nicht schonen mit Blick auf den Schlussakt, der noch vor ihm liegt. Schon kurz nach seinem Auftritt hat er an diesem Abend in der Staatsoper unter den Linden unmissverständlich seine Stärken angezeigt, denn die Arie „Recondita armonia“ lässt ihm kaum Zeit zum Warmwerden. Sei’s drum, Becza?a lässt seine Klasse direkt aufblitzen: eine Tenorstimme, lyrisch hell, elegant geführt und doch von heldischer Kraft.
Es ist ein polnisches Duo, das diese sonntägliche Repertoirevorstellung an der Staatsoper zu etwas Besonderem erhebt. Denn an Becza?as Seite zeigt sich Aleksandra Kurzak katzengleich wandelbar: Ihr Sopran kann ebenso schmeicheln wie die Krallen ausfahren. Mal lodert ihre Stimme vor Eifersucht, mal findet sie kokette Töne, dann wieder steigt sie in die Tiefen eines Alt hinab. Von hochdramatischen Verzweiflungsspitzen findet sie für das Gebet „Vissi d’arte“ zurück zu einem demutsvollen Piano. Den Schurken Scarpia, Polizeichef von Rom, gibt Alexey Markov Autorität, obwohl mehr bassbetonte Schwärze durchaus denkbar wäre. Aber der Russe besitzt eine Diktion, die das Gruseln lehrt: gestochen scharf, im Halblauten und Heuchlerischen besonders gefährlich.
Nicht allein durch das Solisten-Trio wird diese von Alvis Hermanis inszenierte Tosca prachtvoll. Der Staatsopernchor und der Kinderchor der Staatsoper formen das „Te Deum“ zum Hochamt einer Institution, die der Staatsgewalt einen religiösen Prunkmantel umhängt. Weltlicher und kirchlicher Machtanspruch verschmelzen in Puccinis genialer Partitur zu einer Kraft, die sich auftürmt wie eine Wand aus schwarzem Wasser. Druckvoll künden die Chöre und die Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Petr Popelka vom Vernichtungspotenzial dieser unheiligen Allianz.
Sängerisch und musikalisch funkelt diese Produktion mit den Kronleuchtern im Foyer um die Wette. Die Regie hingegen macht sich nahezu unsichtbar, nicht einmal das Programmheft weiß etwas über sie zu berichten. Bei der Lektüre finden sich keine Ideen zum Stoff, obwohl (leider) Aktuelles in ihm steckt. Statt einen Ansatz vorzustellen, erzählt das Programmheft das Melodram brav nach. Genau das tut Alvis Hermanis auch: Er deutet am Ende des ersten Aktes zwar an, dass Tosca sich für einen flüchtigen Moment zu dem mächtigen Polizeichef hingezogen fühlt – aber es folgt nichts daraus. Alles bleibt in den Gewässern des Erwartbaren: Hermanis hat eine touristentaugliche Tosca geschaffen, die vom Publikum keine Denkarbeit verlangt.
So schiebt sich die Ausstattung von Kristine Jurjane in den Vordergrund. Sie nutzt den oberen Teil der Bühne, um Gemälde und Zeichnungen der römischen Originalschauplätze zu zeigen: die Kirche Sant’ Andrea della Valle, der Palazzo Farnese, die Engelsburg. Von einer Graphic-Novel-Ästhetik spricht die Marketing-Abteilung des Hauses. Das ist stramm behauptet angesichts einer losen Ikonografie, die mit barocken und akademisch-sakralen Versatzstücken spielt. Schon die blonde Maria-Magdalena, die Cavaradossi in der Kirche malt, atmet mit ihren verzückt verdrehten Augen einen Hauch von Edelkitsch. Scarpias Arbeitszimmer im Palazzo Farnese öffnet sich zu einem großen Balkon hin. Das ist prachtvoll, doch legt sich die Aura des einst bekannten Parfümklassikers darüber: blumig, süß, nostalgisch – und frei von jeder irritierenden Note.
Umjubelt wird diese Tosca, völlig zu Recht, der Musik wegen. Die Staatsoper bietet in dieser Familienvorstellung ein Niveau auf, das andere Häuser mit ihren besten Premieren nicht erreichen. Sie zieht die international begehrtesten Stimmen an und verfügt über ein Orchester, das über Jahrzehnte vor allem durch Daniel Barenboim zu einem Klangkörper von erlesener Güte geformt wurde. Souverän lässt die Staatskapelle Berlin atmosphärisch dichte Bilder aus dem Orchestergraben steigen: die von der Orgel umbrausten Klänge des „Te Deum“, die durch Scarpias Fenster tönenden Fernklänge der Festkantate, die Morgenstimmung über den Dächern von Rom, samt Hirtengesang und dem vielstimmigen Geläut der Glocken. Wenn Cavaradossi von den Schergen Scarpias zur peinlichen Befragung abgeführt wird, ahnt das Orchester die Schläge vorweg.
Einen so langen Szenenapplaus, wie Piotr Becza?a ihn für die Arie „E lucevan le stelle“ erhält, erleben selbst passionierte Operngänger selten. Mit nicht enden wollenden Bravorufen überschüttet, hebt er seine Pose für einen kurzen Moment auf, dankt mit einem kurzen Nicken des Kopfes. Auch Aleksandra Kurzak (Floria Tosca) und Alexey Markov (Scarpia) besitzen die Qualitäten, die es für Tosca zwingend braucht: Die Fähigkeit, gewissermaßen aus dem Stand ins große Gefühl abzuheben. Von den Nebenrollen werden sie würdig eingerahmt: Carles Pachon (Angelotti), Hanseong Yun (Messner), Florian Hoffmann (Spoletta) und Irakli Pkhaladze (Sciarrone). Nachklingen wird der Eindruck einer Tosca, die musikalisch ins Opernparadies führt, szenisch aber im sicheren Reisekatalog bleibt.