Übrigens …

Die Göttin der Vernunft im Theater für Niedersachsen Hildesheim

Von einem guten Menschen, toughen Frauen und Pappkameraden

Militärische Schlagkraft bedarf weder des Kanonendonners noch des Kugelhagels. Vielmehr beruht die Kampfstärke der Truppe auf fescher Erscheinung, schnittigem Auftreten, Charmebolzenattitüde und Trinkfestigkeit. Jedenfalls, wenn für bare Münze genommen wird, was Johann Strauß II. für sein letztes bei Lebzeiten - am 13. März 1897 im Theater an der Wien - uraufgeführtes Werk ersonnen hat. Die Göttin der Vernunft wurde nirgendwo nachgespielt, nun aber hat sie auf die Hildesheimer Bühne gefunden. Durchaus nachvollziehbar rückt Regisseur Christian von Götz die Operette in Offenbachiaden-Nähe. Fragt sich nur, ob die Partitur das wirklich hergibt. Scharfsinnig, pointiert und augenzwinkernd wie bei Offenbach nimmt sie sich nur selten aus, stattdessen schwelgt sie in wienerischen Marsch- und Walzerklängen. Ohne weiteres ließen sich die Nummern auf‘s Programm einer Militärkapelle setzen. Sei dem, wie ihm sei: Von Götz‘ Offiziere und Mannschaften geraten zu ridikülen Pappkameraden. Zumal der Spielleiter das vom Tonsetzer und seinen Librettisten Alfred Maria Willner und Bernhard Buchbinder im ersten Koalitionskrieg der deutschen Territorialstaaten gegen Frankreich, genauer während des Feldzugs von 1794, angesiedelte Geschehen in den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 verlagert. Zu des Stückes Vorteil, bieten doch Napoleon III. und dessen Militär weitaus eher Gelegenheit zur Karikatur als eine Armee unter der Devise von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Wie nun die Göttin der Vernunft oder vielmehr die Volkssängerin Ernestine, welche während der Revolution als antikisierendes Gegenbild zum christlichen Gott nackt durch Notre-Dame de Paris getragen wurde, den Zeitsprung aus der französischen Revolution in den Krieg von 1870/71 – einem geschlagenen Dreivierteljahrhundert - bewältigt, bleibt ihr Geheimnis. Kann aber sein, das Original wurde durch eine weniger revolutionäre Nachfolgerin ersetzt, der es anstatt auf Ideale eher auf leibliche Reize und Publicity ankommt. Macht nichts. In jedem Fall ist Ernestine ferner zur Leitung eines Mädchenpensionats in der französischen Provinz qualifiziert. Dort – in Châlons – harrt ihrer der seiner frechen Zeichenfeder halber in Paris verfolgte Karikaturist Jaquino. Mit der Geliebten möchte er über die Grenze fliehen. Zu den Deutschen. Ausgerechnet. So auch Comtesse Mathilde de Nevers, eine Verwandte des deutschen Oberkommandierenden. Amüsement erwächst aus solcher Geschichtsklitterung, weil das Geschehen in eine hübsche Verwechslungskomödie hineinschlittert, in der am Ende selbstredend zusammenfindet, was zusammengehört. Ob nun Französische Revolution oder der Krieg von 1870/71, geschichtliche Faktizität zeigt sich in Operettenhistorie umgemünzt. Gut für das Lachtheater. Besser noch für die Aufwertung des Gutsbesitzers Bonhomme, der keine Partei kennt außer jener der Menschlichkeit. Uneigennützig, weise und verschmitzt steht er den Verfolgten bei, sein einziges Interesse ist deren Rettung und Glückseligkeit. Gäbe es mehr von seiner Sorte, die Welt wäre eine andere. Für alles dies umgibt von Götz als sein eigener Bühnenbildner die Spielfläche mit Wänden in den Farben der französischen Trikolore. Munter ironisieren Amelie Müllers Kostüme die Mode aus den Jahren des dritten Napoleon.

Vor der Uraufführung bekam Strauß Manschetten vor der eigenen Courage. Er fürchtete das Skandalpotenzial einer antiklerikal-revolutionären Göttin der Vernunft im katholischen Österreich. Krankheit vorschützend, blieb er der Premiere fern. Doch die geriet zum Erfolg und erlebte immerhin 35 Folgevorstellungen. Dennoch verschwand das Werk hernach in der Versenkung. An der inspirierten Partitur lag’s gewiss nicht. Voller Verve und Esprit treten die Hildesheimer seit dem Premierentermin just am 200. Geburtstag des Komponisten fortgesetzt den Beweis an. Der Opernchor und Jugendchor des Hauses legen sich unter Achim Falkenhausen mit Verve und Sinn für die tänzerischen Rhythmen ins Zeug. Florian Ziemen am Pult der tfn_philharmonie beweist gleichermaßen Feuer, rhythmische Prägnanz und Gespür für des „Walzerkönigs“ zuweilen weit ausschwingendes Melos. Charmant, durchsetzungsfähig und vokal wendig verkörpert Gabrielé Jocaité die Volkssängerin Ernestine. Für Comtesse Mathilde de Nevers bietet Neele Kramer von ihrem blühenden und gut fokussierten Mezzosopran beglaubigtes Standesbewusstsein und befehlsgewohnte Zielstrebigkeit auf. Eddie Mofokeng gewinnt als tenoraler Herzensbrecher Captaine Robert. Indem Tobias Hieronimi den Maßstab für den menschenfreundlichen Gutsbesitzer Bonhomme setzt, so begegnet im langjährigen Hildesheimer Hausbass eine der angenehmsten Figuren des Operettengenres überhaupt. Alle weiteren Solistinnen und Solisten tragen zur geschlossenen Ensembleleistung bei.