Übrigens …

Fünfundzwanzig Jahre Neusser Shakespeare-Festival

„Festival der Freude" lautet der Untertitel des weit über Deutschland bekannten Shakespeare-Festivals im niederrheinischen Neuss, das in diesem Jahr zum fünfundzwanzigsten. Mal stattfindet. Das Festival startet mit einer Neuinszenierung von Romeo and Juliet gespielt von der britischen Shakespeare at the Tobacco Factory, die dafür erstmals aus Bristol an den Rhein in den achteckigen Nachbau des Londoner Globe Theaters kommt. Gleich an vier Abenden ist der tragische Evergreen von der bedingungslosen Liebe zu erleben.

Das dieses Festival einmal ein Vierteljahrhundert werden würde, hatte am Anfang kaum jemand gedacht. Denn der Beginn war eigentlich eher zufällig und recht kurios. Da stand 1991 im fernen Rheda-Wiedenbrück ein von der zwei Jahre zuvor stattgefundenen Landesgartenschau übriggebliebener Bau, der niemandem zu gefallen schien. Die Stadt Neuss erwarb das Theater und baute es an der Rennbahn wieder auf. Und noch im gleichen Jahr wurde es mit einer Aufführung der Lustigen Weiber von Windsor der frischgegründeten Bremer Shakespeare-Company eröffnet. Und seitdem findet es jährlich mit riesigem Erfolg und so gut wie ohne städtische Subventionen statt.

In der fünfundzwanzigsten. Ausgabe des Festivals, das bis zum 27. Juni dauert, können die Verantwortlichen den Viertelmillionsten Besucher im Neusser Globe begrüßen. Die Auslastung liegt seit Jahren bei rund 95 Prozent und ist damit mehr als rekordverdächtig. 500 Plätze gibt es auf drei Ebenen des hölzernen Theaterbaus, in dem jedes Jahr im Sommer die Stücke des elisabethanischen Meisters zum Leben erweckt werden. 13.800 Besucher kamen im vergangenen Jahr zum größten und ältesten deutschen Shakespeare-Festivals nach Neuss. Es sind Shakespeare-Liebhaber jeder Altersgruppe und sie kommen von nah und fern. Eine Zählung der Autokennzeichen ergab, dass die Fans aus 150 verschiedenen Orten aus ganz Deutschland und dem benachbarten Ausland anreisen.

Das wird auch beim Jubiläum nicht anders sein. Diesmal konnten die Festival-Macher erstmals sogar Gelder des NRW-Kulturministeriums verbuchen, was sicherlich auch eine Anerkennung der geleisteten Arbeit darstellt. Das Geld wurde mit dafür verwendet, erstmals eine Auftragsproduktion zu vergeben. Regisseur Dan Jemmett, einer der Künstler-Freunde des Neusser Globe inszeniert das eher selten aufgeführte Shakespeare-Stück Maß für Maß mit seiner englischsprachigen Company Eat a Crocodile. Zu sehen und zu erleben ist die von Jemmett mit gewohnt schräger Fantasie inszenierte Geschichte des Herzogs von Wien vom 16. bis 18. Juni in gleich vier Aufführungen

Australien war bislang noch nicht auf den Brettern des Neusser Globe-Theaters. Ansonsten sind bereits Schauspieler aller Kontinente zum Shakespeare-Festival an den Rhein gereist. Wunderbare Inszenierungen, die man sonst vermutlich nie gesehen hätte, konnte man in den zurückliegenden 24 Jahren erleben. Ob Hamlet aus Südkorea, König Lear aus Indien, der Sommernachtstraum aus Virginia, Titus Andronicus aus Honkong oder die Komödie der Irrungen aus dem afghanischen Kabul. Diese und noch viele mehr der zahlreichen präsentierten Stücke bleiben unvergesslich.

Für Festivalleiter Wiertz ist die Sprache bei Shakespeare kein Problem, auch wenn sie koreanisch, chinesisch, russisch, afghanisch oder ungarisch ist. Davon sollte sich niemand ängstigen lassen, meint der Shakespeare-Experte und ergänzt: "Man kommt schon dahinter". Erstmals kommt zur Eröffnung des Festivals auch ein NRW-Ministerin ins Neusser Globe. Es ist Kulturministerin Ute Schäfer (SPD), die sich selbst ein Bild machen wird von diesem Theaterfestival,  das sich so gut wie ganz aus Sponsoren- und Eintrittsgeldern finanziert. 

Bis zum 27. Juni gibt es bei der 25. Ausgabe des Festivals sechs Komödien, drei Tragödien, eine Historie und eine „Impro-Oper" zu erleben. Die weiteste Anreise hat diesmal ein Ensemble aus Brasilien. Am 4. Juni zeigt die Truppe Completa Mente Solta aus Rio de Janeiro ihre Version des Hamlet. Die sechs Schauspieler greifen Charaktere aus Shakespeares Welt auf und fügen sie in die Lebenswirklichkeit junger Menschen in den Favelas von Rio ein. – Andreas Rehnolt