Patrick Schlösser und Jannis Kounellis verstorben

Die ersten Jahre der Intendanz von Anna Badora am Düsseldorfer Schauspielhaus galten als künstlerisch wenig ergiebig. Weitgehend vergessen ist heute, dass Badora, die das Schauspielhaus in den Jahren von 1996 – 2006 leitete und in den letzten zwei Jahren wieder zu alter Blüte führte, bereits zu Beginn ihrer Düsseldorfer Jahre einige herausragende Erfolge zu verzeichnen hatte. So holte sie Einar Schleef ans Haus, dessen hochenergetische, formal hochspannende und die Grenzen der Konvention sprengende Inszenierung von Oscar Wildes Salome zum Berliner Theatertreffen 1998 eingeladen wurde. Schleefs Regieassistent war damals der zum Zeitpunkt der Premiere 25 Jahre alte Patrick Schlösser, den Badora bei ihrem Wechsel nach Düsseldorf vom Staatstheater Mainz mitgebracht hatte. Aber wer merkt sich schon die Namen von Regieassistenten?

Es dauerte nicht lange, bis man sich in Düsseldorf – und bald auch weit über die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt hinaus – den Namen von Patrick Schlösser merkte. Bereits für seine erste eigene Inszenierung, David Harrowers Messer in Hennen aus dem Jahre 1999, erhielt er den Förderpreis der Stadt Düsseldorf, dem ein Jahr später – nach inzwischen drei weiteren Inszenierungen – der „Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für junge Künstlerinnen und Künstler“ folgte. Messer in Hennen war ein Stück über die Entdeckung der Sprache als Evolutionsmedium aus einem analphabetischen ländlichen Schottland von vor 200 – 300 Jahren. Mit Sprache, so entdeckt die Protagonistin des Stücks, könne man die Dinge so präzise benennen, „wie ich das Messer in den Magen einer Henne stecke“. Ebenso präzise war die Inszenierung von Patrick Schlösser mit ihren schnellen, aber ruhigen Szenenwechseln, ihrer Lichttechnik und ihrem exakten Rhythmus.  

Es folgte eine Arbeit, die in allen Werkverzeichnissen des Regisseurs vergessen wird. Anna Badora hatte ihren Nachwuchskräften eine neue Spielstätte erobert – eine hässliche, schmuddelige Dreiecksfläche im Treppenabgang zum Parkhaus unter dem Gustaf-Gründgens-Platz, auf der sich Regieassistent(inn)en austoben und ein junges Kino-Publikum für das Theater gewinnen sollten. Schlösser erzählte dort mit dem irischen Dramatiker Mark O’Rowe die Geschichte von Howie the Rookie – die erschreckende Story einer Vorstadt-Jugend, die sich ausschließlich über Gewalt und schnellen Sex definiert, doch bei aller Brutalität und Rotzigkeit nur auf der verzweifelten Suche nach Halt, Akzeptanz und ein wenig Zärtlichkeit ist. Mit zunehmender Dynamik trieb Schlösser die Handlung in den beiden temporeichen, stakkatoartigen Monologen auf das jeweils entsetzliche Ende zu – „atemlos, pausenlos, hoffnungslos“, wie die WZ schrieb.

In Theresia Walsers King Kongs Töchter und Arthur Schnitzlers Anatol erwies sich Schlösser „als höchst musikalischer, formal souveräner Stilist“, so Andreas Wilink in einem Rückblick auf die Ära Badora für die WELT. Walsers sprachlicher Balanceakt zwischen Pointe, Plot und Poesie wurde von Schlösser szenisch in eine virtuose Groteske überführt, und die kleinen „Kunstzeremonien“ wie sie die Rheinische Post nannte, die Zeitlupen- und Zeitraffer-Szenen zum Beispiel, sollten bald zum Markenzeichen des jungen Regisseurs werden, dessen Anatol im Jahre 2000 dann laut FAZ „einen ziemlich einsamen Höhepunkt“ der Spielzeit im Rheinland bedeutete: „analytisch und spielerisch, musikalisch und voller Brüche, respektvoll gegenüber dem Text und kühn in der Deutung.“

Düsseldorfs junger Erfolgsregisseur aber wanderte ab an das seinerzeit von Matthias Hartmann geleitete und um die Jahrtausendwende mehr Glanz verbreitende Schauspielhaus Bochum, wo der Unterzeichner nur eine einzige seiner Inszenierungen sehen konnte. Martin McDonaghs Der Leutnant von Inishmore war wohl typisch für die Arbeiten von Schlösser in Bochum, die stets Licht und Schatten hatten, aber hinter den Düsseldorfer Arbeiten zurückblieben. In Inishmore blieb unter all den exzellenten Schauspielern ausgerechnet die Hauptfigur blass, was die Wirkung von Schlössers Inszenierung beeinträchtigte.

In Düsseldorf aber legte der Regisseur weiterhin grandiose Arbeiten hin. In Goldonis Der Impresario von Smyrna nahm er das Spiel mit den kurzen, musikalisch untermalten pantomimischen Einschüben wieder auf, die das Stück brachen oder kommentierten. Virtuos spielte Schlösser mit dem türenschlagenden, klischeebehafteten Komödiengeplapper, das der Unterzeichner an den Commedia dell’arte Stücken so hasst: Er fror die Bilder ein, schuf großartige Lichtstimmungen und verwandelte die lautstarke italienische Komödie in ein charmantes, so leises wie leichtfüßiges ironisches kleines Kunstwerk. Schillers Die Jungfrau von Orleans geriet dann endgültig zu einem unvergesslichen Theaterabend – erneut durch das Unterlaufen üblicher Rezeptionserwartungen: „… ein großer Abend, ein anstrengender zweifellos, ein lauter, ein schriller, ein pathetischer auch und einer, der kleine ironische Zeichen setzte und dieses Pathos damit gleich wieder souverän unterlief“, schrieb ich damals in meinem Blog. „… es war ein brillant, aber gnadenlos streng durchchoreografierter Abend, mit verblüffenden tableaux vivants und mit Action durch das ganze Haus …“ Patrick Schlösser, so schrieb ich damals, rücke der Jungfrau von Orleans mit den Methoden Einar Schleefs zu Leibe: „mit lärmenden, stampfenden Männerchören und militärischer Präzision.“ Ganz nebenbei wurde Schlösser zum Mitentdecker einer großen Schauspielerin, die ebenfalls abseits aller Konventionen agierte. Wir nannten die blutjunge Lisa Hagmeister, Schlössers einem B-Movie aus dem Horror-Genre entsprungen scheinende Johanna und seine durchgeknallte Heulboje Lucrezia aus dem „Impresario“, unser „lispelndes Sprechwunder“. Ich liebte sie, andere hassten sie – aber Schlösser hat sie großgemacht.

So schloss sich der Kreis von Patrick Schlösser am Düsseldorfer Schauspielhaus, auch wenn später noch zwei weitere Arbeiten folgen sollten: Der Regisseur war wieder bei Schleef, mit dem er seinen ersten Düsseldorfer Erfolg als Regieassistent gefeiert hatte. Patrick Schlösser ist, wie das Stadttheater Klagenfurt im Auftrag seiner Familie mitteilt, am 16. Februar 2017 im Alter von 45 Jahren verstorben. Seine Klagenfurter Verdi-Inszenierung Otello ist seine letzte Regiearbeit. Wir aber denken zurück an die hässliche Kellertreppe im Düsseldorfer Parkhaus, wo Gloria Gaynor mit trotzigem Optimismus das Leitmotiv zu Schlössers Howie the Rookie geliefert hatte. Ihr „I will survive“ hat uns zu Tränen gerührt. Schlösser Arbeiten werden im Gedächtnis der NRW-Theaterzuschauer überleben.

 

Den Theatergott aber gelüstete es an diesem 16. Februar 2017 nach besonders makabren Scherzen. Am gleichen Tag, als der junge Schlösser in Berlin starb, endete in Rom das lange, fast 81 Jahre währende Leben des erfolgreichen griechischen Künstlers Jannis Kounellis. Auch er hat für einen der großen Höhepunkte der Ära Anna Badora am Düsseldorfer Schauspielhaus gesorgt. Im Jahre 2001 schuf der Mitbegründer der Arte-Povera-Bewegung in einer alten, längst abgerissenen Industriehalle im Düsseldorfer Stadtteil Lierenfeld eine gewaltige Installation aus 24 kreisförmig angeordneten Stahlsäulen. Sie waren ein Sinnbild für die trotzige Stadt Theben, in der Anna Badora ihr ambitioniertes vierteiliges Antikenprojekt Mania Thebaia spielen ließ – mit den Bakchen (Regie Theo Terzopoulos), mit Antigone (Anna Badora), König Ödipus (Tadashi Suzuki) und Sieben gegen Theben (Valery Fokin). Das eindrucksvolle, aber auch sündhaft teure Projekt blieb künstlerisch umstritten, aber von der Bühnen-Installation von Jannis Kounellis schwärmen in Düsseldorf die Theaterfreunde und die Freunde der Bildenden Kunst noch heute.      

 Foto: Patrick Schlösser