Dietrich Hilsdorf über Wagner, dessen Frauenbild und den Ring am Rhein

Dietrich W. Hilsdorf arbeitet seit über vierzig Jahren als Regisseur sowohl im Schauspiel als auch im Musiktheater. Für über 150 Inszenierungen war er verantwortlich - aber Richard Wagners Der Ring des Nibelungen war bislang noch nie dabei. Das ändert sich gerade an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf, wo im Mai 2017 mit dem „Rheingold“ der erste Hilsdorf-„Ring“ begann. Im Februar 2018 folgt „Die Walküre“, im Juni dann „Siegfried“. Christoph Schulte im Walde traf den Regisseur Anfang Dezember 2017 während der Probenarbeiten in Düsseldorf zum Interview.

Herr Hilsdorf, Wagners „Ring“ fehlte Ihnen bislang noch in der Liste all der Opern, die Sie bereits auf die Bühne gebracht haben. Jetzt aber kommt er. Weshalb hat es so lange gedauert?

Oft wird ja behauptet, ich möge Wagner nicht. Das ist eine völlige Verkürzung. Was ich an Wagner schwierig finde ist die Tatsache, dass ich nicht hinein komme zwischen Text und Musik. Wagner hat geschlossen gedacht, hat schon bei der Dichtung gewusst oder sich vorgestellt, was er komponiert. Mir ist immer so etwas wie die Reibung zwischen dem Urtext einer Oper und dem fertigen Stück Musiktheater wichtig. Also zum Beispiel Schillers „Kabale und Liebe“ und Verdis „Luisa Miller“ oder Alexander Puschkins Roman „Eugen Onegin“ und Tschaikowskys Oper. Aus diesen Reibungen zwischen literarischer Vorlage und dem komponierten Werk gewinne ich immer szenisches Material. Aber bei Wagner gibt es so etwas nicht. Wagner weiß es immer, und auch Wagners Orchester weiß immer schon alles. Anders als Mozart und Verdi gibt Wagner immer schon ein Programm vor, und dann kommen noch seine Leitmotive hinzu. Da muss ich genau sehen, wo sich Spielräume für mich öffnen.

Das ist Ihnen im „Rheingold“ ja bestens gelungen. Aber wie kam es eigentlich dazu, hier in Düsseldorf erstmals den gesamten „Ring“ zu inszenieren?

Das ist eine etwas längere Geschichte. Vom Essener Aalto-Theater wurde ich ja 2008 gefragt, ob ich dort die „Walküre“ machen wolle. Wobei damals der Satz fiel: „Wir wissen, dass Sie Wagner nicht unbedingt mögen“ - was ja so nicht stimmt. Zumal ich damals, als die Anfrage kam, schon Marc Piollet für Wiesbaden den „Tristan“ zugesagt hatte. Also auch einen Wagner. Das kam so: Piollet hatte sich gerade einen neuen BMW zugelegt, so einen Zweitürer, ein Geschoss, in dem ich mitfuhr. Piollet hat dann den „Tristan“ in seinen CD-Player gelegt - und ab Takt 59 beschleunigt. Da habe ich ihm gesagt: „Marc, wir machen das!“ Und dann hatte ich auch in Köln zugesagt, den „Holländer“ zu machen! Da war mir klar: Da kann ich auch in Essen die „Walküre“ inszenieren. Ich muss ja ohnehin ran an Wagner. Als ich dann in Zusammenhang mit meinen „Lustigen Weiber von Windsor“ hier in Düsseldorf gehört hatte, dass hier der „Ring“ geplant war, hab ich mich ins Spiel gebracht. Ich wollte die Geschichte des „Rings“ einmal ganz erzählen. So ist das passiert. Und dann haben mein Dramaturgen Bernhard F. Loges, Bühnenbildner Dieter Richter und ich kistenweise Material gesichtet. Und schnell festgestellt: Wenn wir alles lesen, hören, anschauen, was für eine „Ring“-Interpretation relevant sein könnte, müssen wir alles andere kündigen und und vier Jahre nur noch den „Ring“ machen. Das ging natürlich nicht. Deshalb haben wir uns erst einmal frei gemacht von allem Ballast und beim „Rheingold“ so getan, als wüssten wir noch nicht, dass danach noch drei Stücke kommen.

Also gab es vor Beginn der Arbeit am „Rheingold“ auch kein durchgängiges Konzept für den „Ring“?

Konzept! Schon allein dieses Wort lehne ich ab. Weil „Konzept“ hieße ja, es gäbe jemanden, der wüsste, wie es geht. Das ganze Leben hat kein Konzept! Das ist für viele natürlich eine merkwürdige Vorstellung. Manche glauben an irgend eine Vorsehung oder einen göttlichen Willen. Ich komme gerade aus Dresden, wo ich die „Lucia di Lammermoor“ gemacht habe. Da stand ein Grabstein auf der Bühne mit der Inschrift „Mors certa, hora incerta“, also „der Tod ist gewiss, die Stunde ungewiss“. Das habe ich in den letzten drei Wochen bei den Proben auf der Bühne gesehen! Das Leben hat kein Konzept. Und meine grundsätzliche Erfahrung würde ich mit Bertolt Brecht formulieren: „Lasst Euch nicht verführen zu Fron und Ausgezehr. Was kann Euch Angst noch rühren? Ihr sterbt mit allen Tieren und es kommt nichts nachher...“

Gut. Also kein fertiges Konzept, weder für das eigene Leben noch für die Inszenierung einer Oper…

Ich komme doch aus der Zeit der 1960er und 1970er Jahre. Da war es klar, dass man Stücke zusammen mit den Leuten auf der Bühne erforscht. Die Zeiten sind vorbei - aber ich mach das immer noch. Peter Zadek zum Beispiel hat nie mit einem Konzept gearbeitet und gesagt: „Ich stelle mir den Hamlet so und so vor“ - sondern es wurde auf der Probe etwas entwickelt. Das habe ich gerade in Dresden bei der „Lucia“ erlebt: die Hauptdarstellerin hat sich mit schlafwandlerischer Sicherheit auf der Bühne bewegt. Hier in Düsseldorf kenne ich viele Sängerinnen und Sänger, auf die ich mich freue. Mit denen kann man reden, die lassen sich auf etwas ein, die sagen auch was … Wenn ich auf die Probe gehe, habe ich schon eine Ahnung, was da passieren müsste, aber dann trete ich in den Dialog mit den Darstellern. Aber eine solche Herangehensweise kostet Zeit!

Ganz klar! Und die Zeiten für Proben werden immer kürzer. Die hauseigenen Ensembles werden kleiner und man arbeitet stattdessen mit Gästen. Die können aber häufig nicht so flexibel ihre Probenzeiten gestalten. Aber ich brauche für eine „Walküre“ neun Wochen, eher zehn! Für etwas weniger lange Stücke sind für mich acht Wochen regulär – aber die bekomme ich nicht überall, schon gar nicht an den großen Häusern. Für die Dresdener „Lucia“ hatten wir sechs Wochen, das ist extrem kurz!

Es ist selten, dass Sie ein und dasselbe Stück mehrmals inszenieren. Jetzt aber „Die Walküre“...

Ja, weil ich mich frage: Bekommen wir das noch deutlicher, noch besser, noch angeschärfter auf die Bühne? Wir müssen ja nicht für die Menschen, die meine „Walküre“ in Essen gesehen haben, was ganz Neues machen. Gegenüber Essen stelle ich mir vor, den militärischen Aspekt deutlicher herauszustellen. Anhand von Wotan zum Beispiel. Der hat in der„Walküre“ anders als im „Rheingold“ ein Ziel. Auch über andere Dinge kann ich neu nachdenken. Aber auf diese eine spezielle Sache aus Essen wollte ich auch in Düsseldorf nicht verzichten: dass das gesamte Stück in Hundings Hütte spielt…

Ihre Bedenken gegenüber Wagner gründen, so haben Sie das häufiger einmal formuliert, unter anderem auch in Wagners Frauenbild, wie es in den Musikdramen transportiert wird.

Schauen Sie: Wie groß ist Richard Wagner? Einen Meter sechsundfünfzig. Spricht mit sächsischem Akzent, ist nicht gerade besonders gut aussehend, mit zu großem Kopf und zu großer Nase. Dieser kleine sächsische Kapellmeister heiratet eine Schauspielerin, die offenbar sehr gut ist und auf dem Weg, Karriere zu machen. Sie bekommt ein Engagement in Riga und er geht mit. Dort geht sie fremd und ist ein halbes Jahr lang weg. Das muss für diesen Mann so eine furchtbare Wunde gewesen sein, dass er dann nur noch über die Erlösung durch die wirklich treue Frau nachdenkt. Und das geht als Thema durch alle seine Stücke. Würde ich sagen! Wie heißt es bei Alexander Kluge sinngemäß: In jeder Oper mit Erlösungscharakter stirbt im fünften Akt eine Frau. Also das finde ich als Frauenbild furchtbar. So kann das nicht verhandelt werden!

Dazu noch Wagners narkotische Musik. Wagner wusste um diese Wirkung und hat sie immer weiter verstärkt. Ich selbst habe Angst vor Drogen und wusste genau, wenn ich mir diese Droge Wagner-Musik reinziehe, bin ich rettungslos verloren. Das heißt, ich habe immer versucht, ein Gegenmittel zu nehmen, sei es Heine, sei es Börne, Leute, die auch wie Wagner aus Deutschland weggehen mussten…

Mit der Verabreichung dieser Gegenmittel kommen Sie damit klar, Wagner zu inszenieren?

Ja, das geht. Früher, als ich noch frech war, habe ich gesagt: wenn‘s ein anderer macht, wird‘s ja noch schlimmer. Aber aus diesem Alter bin ich heraus!

Foto: Susanne Diesner