Parsifal im Detmold, Landestheater

Sehr katholisch

Die katholische Kirche durchlebt schwere Zeiten. Ihr laufen die Gläubigen davon, Missbrauchsskandale werfen ein schlechtes Licht auf den Klerus - und überhaupt leidet der Dinosaurier Amts-Kirche an verkrusteten Strukturen. All dies kommt einem schon nach den ersten Minuten in den Sinn, wenn sich der Vorhang zu Parsifal gehoben hat. Da fällt der Blick in ein Kloster, in einen sehr modernen Bau, doch bevölkert von sehr unmodernen Leuten: Priester mit Römerkragen, blutleere Novizen, sich selbst kasteiende Büßer. Ein Laienbruder ist abgestellt Laub zu fegen. Der Abt oder Prior heißt Amfortas und leidet an einer Wunde, der Subprior namens Gurnemanz hat wenig Hoffnung auf Erneuerung. Denn den lebensspendenden Gral noch einmal zu zeigen: das würde Amfortas Leiden nur noch verstärken.

Kay Metzger inszeniert einen Parsifal voll und ganz im katholischen Milieu. Mit Weihrauchfass, Aspergill, Ministranten und brokatschweren Gewändern. Kritik an Papst, Bischöfen, Funktionären? Parsifal als junger Wilder, der die Fenster aufstößt und frischen Wind bringt? Das wäre eine mögliche Idee gewesen. Doch spätestens im Laufe des dritten Aktes wird schnell klar: Parsifal, der reine Tor, „durch Mitleid wissend“ geworden, der dem Katholen-Verein Erlösung bringt, ist beileibe kein Erneuerer, im Gegenteil: er haucht der alten Institution ebenso alten Atem ein. Selbst die Blumenmädchen aus Klingsors Welt im 2. Akt konvertieren, krönen ihr Haupt mit einem weißen Häubchen und falten brav die Hände.

In dieser Inszenierung hätte sogar der Bischof von Paderborn mitspielen können. Erstaunlich affirmativ all das, was da auf der Bühne geschieht. Petra Mollérus stattet auch dementsprechend Eins zu Eins aus. Und wenn – Stichwort: „Zum Raum wird hier die Zeit“ – die (christliche) Menschheitsgeschichte offen vor Augen liegt, dreht sich in der ersten Etage des Klosters ein Zylinder. Adam und Eva (mit der Schlange) werden wie eine Skulptur sichtbar, dann Jesus auf seinem Kreuzweg. Später kommt dieses Karussell noch einmal zum Einsatz und offenbart unter anderem eine Pietà, einen gekreuzigten und einen Sieger-Christus. Das sieht alles ein wenig nach Passionsspiel aus – und ist es auch! Fußwaschung und Taufe eingeschlossen.

Selbst der zweite Akt hat wenig Biss. Klingsor als sinnlich-erotische Gegenwelt zu den ultrakonservativen Klerikern? Keineswegs, denn Klingsor selbst steckt (noch) in einem Priesterrock. Und dass Parsifal nicht gerade angeturnt ist von den nur bedingt aufregenden Blumenmädchen, wundert nicht. Ein langer Akt mit einem schier nicht enden wollenden Dialog zwischen ihm und Kundry. Aber der zur Erlösung wichtige Speer gerät nach kleinem pyrotechnischem Zauber in seine Hände. Auf geht’s ins Kloster, dort wird zur Freude aller ein Hochamt gefeiert und Parsifal übernimmt das Regiment.

Und dieses Regiment könnte lange dauern. Vielleicht so lange wie Johannes Harten in der Titelrolle Energie aufbringt. Das ist schon eine ganze Menge. In Detmolds Ring hat er intensiv Wagner-Erfahrungen gesammelt und kann sie für seinen Parsifal einbringen. Brigitte Bauma gibt die Kundry mit üppiger Stimme und weit ausschwingendem Vibrato, Christoph Stephinger ist klanglich ein äußerst nobler Gurnemanz mit optimaler Textverständlichkeit. Dirk Aleschus ist Gurnemanz’ Vater, szenisch angelegt wie der tote und wiedererweckte Lazarus aus dem Johannesevangelium.

Berührend, wie Andreas Jören als siecher Amfortas diese Figur regelrecht durchleidet - mit Haut und Haar und mit all seinen großartigen stimmlichen Möglichkeiten. James Tolksdorf überzeugt als Klingsor mit sauber geführtem Bariton. Nicht zuletzt sind auch samtliche kleinen Nebenrollen bestens besetzt. Marbod Kaiser zeichnet verantwortlich für Chor, Extrachor und Mitglieder des Caruso e.V. – ein absolut verlässliches Ensemble.

Am Dirigentenpult gibt es am Premierenabend einen „Einspringer“: anstelle des erkrankten Detmolder GMD Erich Wächter leitet Uwe Sandner die Aufführung. Sandner hatte erst im Februar 2012 am eigenen Haus, dem Pfalztheater Kaiserslautern, einen Parsifal dirigiert. Hier in Detmold organisiert er Wagners Bühnenweihfestspiel sehr akkurat. Dass der orchestrale Glanz, vor allem der Streicher, mit Beginn des dritten Aktes ein wenig leidet und unkonzentriert, ja wacklig wirkt, geht sicher nicht auf sein Konto.

Detmolds Premierenpublikum ist restlos begeistert: vom Solisten-Ensemble, vom Chor – aber ganz offensichtlich auch von all den vielen frommen Bildern.