Glaube, Liebe, Holländer im Dortmund, Schauspielhaus

Seefahrer-Romantik und Talkshow-Diskurs

Glaube, Liebe, Hoffnung heißt ein Stück des sozialkritischen Dramatikers Ödön von Horváth. Im Mittelpunkt eine Frau, die an die Zukunft glaubt, einem Mann Liebe schenkt, voller Hoffnung ist auf ein menschenwürdiges Dasein ohne Armut. Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so, die Gerechtigkeit, es gibt sie nicht. Die Frau geht ins Wasser. In Glaube, Liebe, Holländer! aber, jenem Stück nach Richard Wagners Musikdrama Der fliegende Holländer, der ersten Koproduktion von Junger Oper sowie dem Kinder- und Jugendtheater Dortmund, bleibt Senta der Sturz in die Fluten erspart. Ein tröstendes Lied umwebt die Frau, die ob der Erlösung ihres vom Fluch geknechteten Geliebten ihren Schwur nicht brechen wollte: treu zu sein bis in den Tod. Die romantischen Verhältnisse, sie sind außer Kraft gesetzt, Eide mit möglicherweise existenziellen Folgen, es gibt sie nicht (mehr).

Die Verwandtschaft der Titel – ein Zufall? Mag sein, doch die genannten Beziehungspunkte dürften auch eine bewusste Wahl rechtfertigen. Zumal Oliver Kosteckas Bühne zwar einerseits mit Seefahrer-Romantik spielt, andererseits Senta in einem so tristen Metallbett vor sich hin träumen, fantasieren, ins Leere blicken lässt, als würde hier das Lied vom armen, armen Mädchen gesungen. Jula Reindell hat ihr zudem Bluse und Faltenrock im blassen Grauweiß geschneidert, mit großen Himmels- und Wellenmustern, die aber auch gar nichts von Eleganz haben. Senta, ein schüchternes Mauerblümchen in fader Garderobe.

Sie liest immer wieder das Buch über den „Holländer“, unter der Matratze sein Bild verbergend. Sie läuft wie paralysiert über die Bühne, versenkt sich, fast ausdruckslos. Regisseurin Antje Siebers verordnet dieser Figur ein stummes Spiel. Und selbst wenn Senta singend zum Leben erwacht, wenn sich also die junge Sopranistin Nadine Sträter in die Ballade wirft, in die große Szene mit dem „Holländer“ (Moshen Rashidkhan), in die Vehemenz des Treueschwures, bleibt die Darstellung wie im Zweifel verharrend. Eine traurige Gestalt, eine von uns, kein idealisiertes Opfer.

Und damit gelingt der Regie eine Schlusspointe, die rückblickend beinahe zwingend erscheint. Denn schließlich wird hier nicht allein die Geschichte vom „Fliegenden Holländer“ erzählt, sondern vielmehr ein romantisches „Glaube, Liebe, Hoffnung“-Stück in eine jugendgerechte Moderne transferiert. Also wird zum Ende der musikalischen Szenen jäh in die Gegenwart gewechselt. „Was bedeutet Treue heute?“ steht dann auf einem Stück des hellen Vorhangstoffes zu lesen, der die Bühne hinten begrenzt und andererseits als Projektionsfläche fürs wogende Meer dient. Es folgen eine Menge Antworten, in Schriftform und gesprochen von einem Schauspielerquartett, das gewissermaßen lebendiges Scharnier ist zwischen den Zeiten.

Dass manches wie Brechtsches Lehrtheater klingt, mag befremden, andererseits werden die teils plappernden Kommentare mit einer gehörigen Portion Witz lustvoll garniert. Eine Talkshow über den Starkult, mit Experten, die sich nur selbst gern reden hören, inmitten der „Holländer“-Sage, ist jedenfalls so hübsch wie skurril. Und Désirée von Delft, Roman Konieczny, Andreas Ksienzyk sowie Bettina Zobel spielen mit Herzblut.

Wobei die Regie Désirée von Delft besonders herausstellt. Als diejenige, die Sentas Gefühle als einzige zu verstehen scheint, die von der eleganten Dämonie dieses „Holländers“ offenbar ungemein fasziniert ist. Am Ende bewahrt sie Senta vor dem Tod. Als wäre sie ein modernes alter ego dieser in romantischer Sehnsucht gefangenen Frau. Doch gibt es nach dieser Rettung neuen Glauben an die Hoffnung, an die Liebe – der Vorhang zu, die Frage bleibt offen.

So verzahnt Regisseurin Antje Siebers das 19. Jahrhundert mit dem 21. in Gestalt der gedoppelten Senta. Dies bedarf allerdings mehr als Auszüge aus der originalen „Holländer“-Musik, die Michael Kessler für ein achtköpfiges Kammerensemble arrangiert hat. Und so setzt er auf ungewöhnliche Effekte: gleich zu Beginn etwa, wenn Klavier und Schlagwerk einen harten Puls hämmern, die E-Gitarre dazu ein „Holländer“-Motiv aufjaulen lässt. Oder inmitten von Sentas Ballade, wenn zum leisen Sehnsuchtsgesang nur der Pianist und Ensemble-Leiter Michael Hönes ein paar zerbrechliche Klänge beisteuert. Der im übrigen alle Hände voll zu tun hat, in den stürmischen Passagen von Wagners Musik das Schiff der Instrumente, gespielt von Mitgliedern der Dortmunder Philharmoniker, auf Kurs zu halten.

Präsent, doch nicht ohne scharfe, teils wenig sauber fokussierte Höhen, gestaltet Nadine Sträter die Partie der Senta. Besser, wenn auch nicht dunkel dämonisch, singt Moshen Rashidkhan den „Holländer“. Er gibt den Latin Lover, verzichtet indes auf alles Aalglatte, zeigt zudem in teils scheuer Zurückhaltung die Brüchigkeit dieser Figur. Der Mädchenchor „Zauberlehrlinge“ und Mitglieder des Schulchores des Gymnasiums Kamen setzen klare, feine Akzente. Am Ende singen sie die leise, melancholische Weise des Trostes. Wir wollen deshalb trotz allem das Hoffen nicht aufgeben.