Tristan und Isolde im Aachen, Theater

Gelungener Abschied

Tristan und Isolde bleibt ein vertracktes Stück. „Handlung“ überschrieben, hat es an äußerer zumindest arg wenig. Alles passiert in den Menschen, die alle in sich gefangen sind. Ludger Engels zeigt das in seiner Inszenierung zwei Akte lang intensiv und sinnfällig. Er verortet das Stück, folgt man den etwas reizlosen Kostümen von Ric Schachtebeck, im Heute und definiert die Figuren klar aus ihrer sozialen Befindlichkeit heraus. Engels schminkt nichts zu. Sein Tristan ist so alt wie sein 58-jähriger Interpret, müde, grau, von einem mühsamen Leben. Er wünscht sich Frieden und Ruhe. Ganz anders Isolde. Sie ist ganz wild vor Lebenshunger, hat sich nur notgedrungen an die Männerwelt angepasst, trägt als einzige Frau Hosen, fühlt sich aber dennoch eingesperrt in die Bretterwände von Ausstatterin Christin Vahl. Sie will nicht ausruhen, sie will leben. Sie will nicht, dass etwas aufhört, sondern dass etwas beginnt. Unter diesen unterschiedlichen Voraussetzungen kann aus der sprichwörtlichen großen Liebe natürlich nichts werden. Beide scheinen es zu wissen und versuchen es trotzdem. Als es schiefgeht, sind sie nicht überrascht. Aber sie können nicht mehr aufeinander verzichten.

Diese Geschichte erzählt Ludger Engels stringent und klar, hält sich aber mit zu vielen kleinen Bewegungen auf. Da werden Zigaretten angezündet, ein zerbrochenes Stöckchen wird mühevoll geklebt oder es wird mit Wasser gespritzt. Angst vor Leerlauf? Angst vor Wagner? Oder soll die Leere des komplexen menschlichen Lebens vorgezeigt werden? Jedenfalls erscheint diese Vorgaukelung eines kleinteiligen Realismus unnötig, zumal Engels die großen Linien des Stückes treffend vermittelt.

Im Schlussakt hört die Deutung auf. Engels setzt seine Figuren vor einen schwarzen Rahmen, durch den Wasser hineinplätschert und überlässt Dramaturgie und Spannung der Musik. In Aachen funktioniert das hervorragend, weil der scheidende GMD Marcus R. Bosch so lebendig und präzise dirigiert, dass die Seelen der gequälten Protagonisten wortlos aus dem Graben aufzuschreien scheinen. Das Sinfonieorchester Aachen spielt fantastisch, mit unglaublich homogenen, schönstimmigen Streichern und herrlich austarierter Dynamik.

Das Sängerensemble ist hervorragend zusammengestellt und ohne Ausfall, auch in den kleineren Rollen. Yikun Chung versucht als Melot mit seinen wenigen, mühelos herausgeschleuderten Tönen das kleine Aachener Haus zum Einsturz zu bringen. Hrólfur Saemundsson hat im Kurwenal eine Partie gefunden, die hervorragend zu seinem urgesunden, aber oft etwas ungeschliffen klingenden Bariton passt. Sanja Radisic singt mit schönen Farben eine intellektuelle, stimmlich vielleicht eine Spur zu schlanke Brangäne. Den König präsentiert der Koreaner Woong-jo Choi als Gegenbild zu Tristan. Kraftvoll, immer wieder von Schüben jugendlichen Elans durchzuckt ist der Monolog hier überhaupt nicht resignativ angelegt. Wir hören vielmehr ein Ringen um Selbstbeherrschung – mit des Basses Urgewalt. Claudia Iten und Ivar Gilhuus spielen und singen prächtig miteinander, obwohl ihre Voraussetzungen sehr unterschiedlich sind. Gilhuus hat wirklich keine schöne Stimme, weiß sie aber toll zu gebrauchen, artikuliert vorzüglich, deklamiert hoch musikalisch und kommt problemlos durch den gefürchteten dritten Akt. Claudia Iten gestaltet so expressiv, dass die Stimme im mittleren Register manchmal deutlich gefährdet klingt. Das macht sie mehr als wett durch ein sehr schönes Mezzo-Fundament und eine mal gewaltig flutende, mal seidig-transparente Höhe, die sie anlässlich des „Liebestods“ geradezu mustergültig fokussiert. 

Die Produktion, besonders Dirigent und Orchester, wurde enthusiastisch bejubelt. Ein wirklich gelungener Abschied für Marcus R. Bosch, der in zehn Jahren in Aachen viel bewegt hat und nun endgültig nach Nürnberg weiterzieht. Glück auf den Weg!