The Turn of the Screw im Duesseldorf Oper

Die Angst vor dem wirklichen Leben

Zum Abschluss also ein wirkliches Kammerspiel: sind die ersten Teil seines Britten-Zyklus noch auf großer Bühne angelegt, inszeniert Immo Karaman The Turn of the Screw in einem trotz räumlicher Weitläufigkeit immer enger und bedrohlicher werdenden englischen Landhaus. Eines, das auch schon mal bessere Zeiten gesehen hat, wie die zerschlissenen Tapeten suggerieren. Kaspar Zwimpfer baut außerdem eine stabile Holztreppe, der man dennoch zutiefst misstraut, weil man nie weiß, was am unsichtbaren oberen Ende lauert. Hier in dieser Umgebung spielt Brittens Schauergeschichte. Aber ist es eine Schauergeschichte? Ist es ein Psychodrama? Entlädt sich hier die unerfüllte Liebe einer altjungferlichen Gouvernante? Oder die pubertäre Sexualität Heranwachsender?

All das steckt in der Geschichte der Gouvernante, die ansehen muss, wie die ihr anvertrauten Kinder unter den Einfluss der Geister früherer Diener des Hauses geraten und die nichts dagegen tun kann. Immo Karaman und Fabian Posca schaffen es, in der ihnen eigenen Bewegungssprache allen diesen Aspekten Raum zu bieten, viele Interpretationsansätze anzudeuten und für möglich zu erklären.

Diese immer wieder so ruhig, so klar und eindringlich ausinszenierten Bewegungen der Figuren werden zu deutlichen Ausrufezeichen. Ganz zu Beginn das langsame Aufheben des Koffers der Gouvernante, die gar nicht weg will, weil sie sich soeben verliebt hat in den Vormund der Kinder. Großartig, wenn das von Tänzern dargestellte Geisterpaar – die Leistung von Ulrich Kupas und Anna Roura-Maldonado ist dämonisch-hervorragend - sich in der Mitte der Bühne auf einem Bett annähert und streitet, während vorn das pubertierende Geschwisterpaar in einem Bett (unsichtbar) an- und miteinander Selbsterfahrungen macht und ganz hinten die Gouvernante rastlos um ihre Schlafstatt wandelt. Grandios wie die schon lange tote Ex-Gouvernante mit ihrem Schatten immer Besitz ergreift von der lebenden, wie die Kinder immer mehr vom viktorianischen Drill abwerfen. Flora ertränkt ihre Puppe und Miles übernimmt anstelle des Vormunds die Rolle des Liebhabers der Gouvernante.

Bei Karaman stimmt jede Geste – alles ist andeutungsbeladen, aber nie überfrachtet. Zum düsteren Zauber dieser Inszenierung tragen ganz besonders die hervorragend gruselige Lichtregie Michael Rögers bei, auch Marie-Luise Waleks Kostüme (altbacken Lavendelfarbenes für die Gouvernante!).

Kaisun Raj und Yolanda Shamash sind die beiden Waisenkinder Miles und Flora. Tolle, junge, selbstbewusste Darsteller, sängerisch fabelhaft, nie kindlich-piepsig, vielmehr abwechselnd ängstlich, forschend, fragend und boshaft – eine imponierende Leistung!

Die bieten auch Anke Krabbe als Geist mit gerundetem, schönem, kräftigem Sopran und Corby Welch als großartig differenzierender Untoter Peter Quint.

Marta Márquez punktet als desillusionierte Haushälterin Mrs. Grose mit sicherer, Autorität gebietender Stimme. Und die Gouvernante? Sylvia Hamvasi steht über dieser Partie, beherrscht sie traumwandlerisch sicher und durchlebt all ihre emotionalen Facetten – ein Glücksgriff für diese Inszenierung.

Vierzehn Musiker der Düsseldorfer Symphoniker unter Wen-Pin Chien schaffen es mit großer Kunst den ganzen Farbenreichtum der Partitur Benjamin Brittens erfahrbar zu machen. Brittens Beschränkung auf ein überschaubar großes Instrumentarium zeitigt einen überbordenden Klangkosmos von ungeahntem Reichtum. Von friedlichen Naturklängen bis hin zu drastischen Ausbrüchen reicht das Spektrum dieser Partitur – ein dringliches Plädoyer für das geniale Opernschaffen des Komponisten Benjamin Britten.