Rusalka im Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier

(K)Ein Märchen

Elisabeth Stöppler machte sich einen Namen am Gelsenkirchener Musiktheater im Revier als psychoanalytische, kluge und zeitnahe Deuterin von drei Britten-Opern (Peter Grimes, War Requiem, Gloriana als „Trilogie der Außenseiter“). Wenn MiR-Intendant Michael Schulz ihr Antonín Dvoráks spätromantisches, Wellen-geprägtes Nixen-Märchen Rusalka (1900) anvertraut, war Ähnliches zu erwarten.

Für die im vergangenen Jahr mit dem Gelsenkirchener Theaterpreis ausgezeichnete Regisseurin ist dieses Stück Aufklärung und Fallstudie über eine junge Frau, die mit größter intimer Sehnsucht die Liebe lernen will. Und daran in schöner und bitterer Melancholie scheitert. Stöppler verzichtet auf Märchenornamentik zum „Undine“-Motiv und auf lyrische Unbestimmtheit (auch die Bühne von Annett Hunger passt sich diesem strengen Konzept mit dem nüchternen Raum einer Box an: als Gefängnis für die Seele). Allen Figuren schaut sie in Herz, Psyche und Charakter. Heraus kommen keine fernen, unerreichbaren, visionären Wesen aus einer fiktiven, erdachten Märchenwelt, sondern hier leben wir – mit unseren Problemen, mit unseren Traumata, mit unseren Hoffnungen, mit unseren Schmerzen und unseren (kurzen, trügerischen) Glücksmomenten. Das hat Sinn, gibt dem Sujet Halt und Entwicklungsräume, bringt uns den Stoff als Anti-Mythos ziemlich nah. Dass nicht alle Fragen und Stationen auf Anhieb einleuchten, darf man angesichts der meisten Lösungsmetaphern in Kauf nehmen. Eine Nixe als Opfer der von Männern dominierten Gesellschaft – das klingt nach Moderne. Im Publikum gefiel nicht allen diese fast brutale, nur nach innen gerichtete Interpretation, neben Beifall hörte man deshalb auch (wenige) Buhs. Stöppler bewies mit dieser aufklärenden Rusalka-Studie ihre Kompetenz bei Stoffen, in denen heutige (!) Menschen „seziert“ und ihr Verhalten analysiert werden. Jedoch ohne Skalpell.

Rasmus Baumann am Pult der Neuen Philharmonie Westfalen: ein Verfechter (in diesem Fall!) der Langsamkeit, des Aushörens von Details, der Musik als Psycho-Stimme. Das Orchester machte diesen Part böhmischer Kultur höchst elastisch und vokalfreundlich mit – die Solostimmen konnten sich auf diesem farbig-wiegenden Klangteppich stets wohl fühlen und traumschön entfalten.

Sie liebt und verzweifelt an der Liebe zu einem Menschen: Petra Schmidt in der Titelpartie. Manchmal klingt ihr Sopran etwas hart, insgesamt meistert sie mit lyrischen Mitteln die (Anti-)Nixenrolle, die in Sprachlosigkeit versinkt. Lars-Oliver Rühl als „naiver“, Parsifal- und Siegfried-naher Prinz: ein mutig alle Aufgaben der Regie ausführender Liebender, der mit seinem Tenor auch mal an Grenzen stoßen kann. Im Blaumann: Dong-Won Seo als technisch versierter Wassermann. Stark in Maske und in vokaler Dramatik: Gudrun Pelker als Hexe. Auch alle anderen Partien waren durchaus angemessen mit hauseigenen Mitgliedern besetzt.

Rusalka am MiR: ein musiktheatralisches Dvorak-Psychogramm über Liebe und Tod, Freude und Leid, Ritual und Emotion. Die Liebe kann eben doch nicht alle Grenzen überwinden. Aber die Musik triumphiert über alle Schwierigkeiten hinweg.