Temperamentvoller Mummenschanz
Schluss mit den überkommenen tradierten Gewohnheiten, Schluss mit den autoritären Vätern, die ihre Söhne und Töchter nach ihrem eigenen Gusto unter die Haube bringen wollen! Stattdessen: Freiheit der Liebe, Gleichheit unter den Menschen.
Diese Botschaft steckt - ganz verkürzt ausgedrückt – in Carl Nielsens Oper Maskerade nach einer Komödie des dänischen Nationaldichters Ludvig Holberg von 1724. Und zweifellos lieferte dieser Text enormen Zündstoff innerhalb einer pietistischen Gesellschaft mit ihrem einschnürenden Moralkodex, mit ihren klaren Abhängigkeitsverhältnissen zwischen Oben und Unten.
Regisseur Aron Stiehl versucht, dieses kritische Potenzial ins Heute zu übertragen – was ihm durchaus gelingt, auch wenn Holbergs Verse mitunter doch sehr an seine Zeit gebunden wirken. Für Stiehl sind Leander und Henrik nicht Herr und Diener sondern Kumpel, die gerade eine spannende Nacht hinter und noch eine Menge gefühlsmäßiger Abenteuer vor sich haben. Wäre da nicht Leanders Vater, der autoritäre Jeronimus, der nicht nur seine Frau Magdelone gehörig unter seiner Fuchtel hält. Nein, er hat auch Heiratspläne für sein Söhnchen ausgekungelt, gemeinsam mit seinem etwas dümmlichen Nachbarn Leonard. Leonora heißt dessen Tochter – die soll’s sein!
Solche Kuhhandel sind nicht so antiquiert als dass man sie nicht auch noch im 21. Jahrhundert vorfände. Stiehl siedelt sie an im Kleinbürgermilieu, in einer Wohnung mit Ikea-Möbeln und etwas abgewrackten Typen. Das Ganze aber nicht Eins-zu-Eins wie eine Dokumentation aus dem wahren Leben sondern als eine Art Unterhaltungsshow fürs Publikum. Mit einem Conférencier in rotgoldenem Glitterkleid, der sich eindeutig als Hummer mit scharfen Scheren zu erkennen gibt. Das ist der Kniff dieser Inszenierung: man bekommt drei Akte herrlichster Buffo-Oper – und den gesellschaftskritischen Stachel im saftigen Fleisch gleich mit dazu, aber auf sehr humorvolle Weise.
Vater Jeronimus ist natürlich der Blamierte. Dass niemand aus der Familie das Haus verlassen dürfe, um die lustig-bunter Maskerade mitzuerleben – dieses von allen flugs umgangene Verbot führt letztlich zum Happy End, weil sich auf eben dieser Maskerade zusammenfindet, was vorher schon zusammengehörte: Leander und Leonora. Aber das konnte der Herr Vater ja nicht wissen.
Bis dahin entwickelt sich ein quirliges Geschehen auf der von Jürgen Kirner entworfenen Bühne. Sinnfällig die vielen kleinen Hütten mit nichts weiter als Bett und Stuhl darin – ein Gefängnis, ein Korsett für jeden, der sich als Individuum verwirklichen will. Für die Maskerade gibt es ein Riesenbett, unter dessen Decke sich alles (Un-)Mögliche abspielt. Da herrscht Freiheit für alle, die mal aus ihren gewohnten Beziehungen ausbrechen wollen: für Kermit und Miss Piggy, für das Titanic-Paar Kate und Leonardo, für die englische Queen und ihren Gatten, Carmen und Escamillo und Caeser und Kleopatra. Selbst die Kessler-Zwillinge mischten mit im bunten Treiben und freuen sich ihres Lebens. Was Dietlind Konold da an Kostümen für dieses enorm zahlreiche Personal gezaubert hat, ist einfach umwerfend!
Fantastisch sind auch die von Robert North choreografierten Tanz-Einlagen, ganz herausragend etwa zu Carl Nielsens flirrender Musik, die das Hin und Her zwischen den Verliebten illiustriert. Das hauseigene Ballett verdeutlichte das Gefühlschaos mit starkem Ausdruck.
Überhaupt Nielsens Musik! Die ist eine Entdeckung für sich. Virtuos changierend zwischen altmodisch Höfischem und überraschend Innovativem – echte Bühnenmusik, die kommentiert, illustriert, Bilder evoziert, mitunter auch genau das Gegenteil von dem ausdrückt, was zu sehen ist. Musik voller Farbigkeit, voller Schwung und Kraft, die bei den Niederrheinischen Sinfonikern ganz gut aufgehoben ist. Nur schafft Graham Jackson, der als Generalmusikdirektor seine letzte Premiere am Krefelder Haus dirigiert, die Koordination zwischen Bühne und Orchestergraben nicht: viel zu oft und viel zu gewaltig wackelte es da am Premierenabend.
Gesungen wird sehr ordentlich und auf gutem Niveau, aus dem Tobias Scharfenberger deutlich herausragt. Als Leanders Freund Henrik lässt er seinen ebenmäßigen Bariton nobel verströmen, präsentiert einen runden, durch alle Lagen hindurch ausgeglichenen Ton. Michael Siemon ist Leander, mit der Tendenz, seinen Tenor unnötig anzudicken. Hayk Dèinyan darf als Jeronimus durchaus etwas rustikal wirken, genauso Walter Planté als Leonard: die beiden überzeugen so als ältere Herren, die für diese ganze Maskerade verantwortlich sind. Satik Tumyan ist (mit raumgreifender, fülliger Stimme) Jeronimus’ Frau Magdelone, Markus Heinrich der Lakai des Hauses namens Arv (wobei Heinrichs Indisposition gar nicht sonderlich spürbar wurde). Leonora und ihre Freundin Pernille waren bei Debra Hays und Eva Maria Günschmann gut aufgehoben, Andrew Nolen, Jaewon Yang und Pia Melenk fügten sich mit ihren kleineren Rollen gut in das Ensemble ein. Last but not least: Matthias Wippich. Der führte mit seinem kraftvollen und sicher geführten Bass als Conférencier durch den Abend. Er war es auch, der dem Treiben mit dem Aufruf zur Demaskierung ein Ende setzte.
Krefelds Premierenpublikum zeigte sich restlos begeistert. Gefeiert wurden Solisten, Orchester, Dirigent, Regieteam – nicht zuletzt auch der darstellerisch wie stimmlich starke, von Maria Benyumova einstudierte Chor.