Oberon im Theater Münster

Orientalische Glasperlen

Christoph Martin Wieland liegt nach durchzechter Nacht müd und öd auf seiner Pritsche, wird wüst geweckt – und sucht süchtig weiter nach seinen dichterischen Worten, um seinen „Oberon“ zu vollenden. Wie das geht, erlebt das Publikum, nachdem es diesem Prolog draußen in den Ruinen des alten Lortzing-Theaters gelauscht hat und im Anschluss ins „richtige“ Stadttheater gezogen ist und dort seine Plätze eingenommen hat.

Ein origineller Einfall, Carl Maria von Webers Oberon mit dieser Schauspielszene des Christoph Martin Wieland zu eröffnen, zumal draußen unter freiem Himmel. Hier exponieren sich auch die Hauptakteure Oberon und Titania, deren Streit über die Beständigkeit der Liebe dann für eine abendfüllende Oper sorgt. Mit deren Inszenierung verabschiedet sich Wolfgang Quetes nach seiner achtjährigen Intendanz in Münster und vereint noch einmal alle drei Sparten seines Hauses: Musiktheater, Schauspiel, Tanztheater. Und dieser Oberon steht paradigmatisch für Wolfgang Quetes’ Arbeit in dieser Zeit, gekennzeichnet von handwerklicher Solidität, einfachen Bildern, großzügiger Ausstattung. Keine Interpretationen, an denen man sich hätte reiben können, die für kontroverse Diskussionen gesorgt, womöglich einen gesellschaftspolitischen Stachel ausgefahren hätten.

So bleibt auch von Webers Oberon ein großes Märchen wie aus Tausendundeiner Nacht mit Zauberhorn und Wunderbecher, Kaiser und Kalif, Geistern und Gaunern. Heinz Balthes steuert eine zweckdienliche Bühne bei mit opulenten Kulissen (ein Bagdad-Panorama, ein orientalischer Harem...), die mitunter etwas an die „Augsburger Puppenkiste“ erinnert (reitende Kamele, wogende Schiffe...). José Manuel Vázquez steckt Kaiser Karl in ein Kaiserkostüm, die Orientalen in orientalische Gewänder, die Leute aus Tunis in tunesische Kostüme. Das alles ist ganz putzig anzusehen, kann aber nicht darüber weghelfen, dass die drei Stunden Oper sehr lang werden.

Das liegt vor allem an von Webers Musik, die großenteils recht uninspiriert wirkt und nur ganz gelegentlich originell. Hendrik Vestmann musiziert mit dem Sinfonieorchester Münster und dem Opernchor sehr ordentlich und klangschön, vermag aber kaum Funken aus der Partitur zu schlagen, das Musikalische bleibt oft belanglos. Auch sängerisch ist diese Inszenierung allenfalls mittelprächtig: Wolfgang Schwaninger als Ritter Hüon, steiflich in all seinen Bewegungen, klingt angestrengt, stemmt die Töne statt sie fließen zu lassen; Maida Hundeling als Kalifentochter Rezia lässt ihren messerscharfen Sopran krachen, dass es schmerzt. Außer in ihrer überzeugend gelungenen Trauerarie („Trau’re mein Herz“) kennt sie nur eine dynamische Einstellung: das Dauerfortissimo, das nirgends zu einem der übrigen Sängerinnen und Sängern passt. Nicht zu Eva Trummer (Fatime), nicht zu Lucie Ceralova (Puck). Eine große Ausnahme: Tenor Fritz Steinbacher! Seit 2008/2009 Ensemblemitglied in Münster, hat er eine erstaunliche Entwicklung gemacht und glänzt sowohl darstellerisch als auch sängerisch in seiner Rolle als Oberons Knappe Scherasmin. Eine frische, helle, bewegliche Stimme mit stabiler, sicherer Höhe, als Schauspieler mit durchaus komödiantischem Talent – eine Idealbesetzung! Tenorkollege Jeff Martin als Oberon kann da nicht ganz mithalten.

Erstklassig dagegen Marek Sarnowski und Christiane Hagedorn aus dem Schauspielensemble, die als Oberon und Titania Shakespeare-Verse deklamieren – und dies mit großer Lebendigkeit und immer höchst glaubwürdig. Benjamin Kradolfer Roth als Christoph Martin Wieland, Peter Jahreis als Kaiser und Kalif – beide machen eine gute Figur.

Ein letztes Mal mit dabei: die Tanzcompagnie von Daniel Goldin, die in der Spielzeit 2012/2013 nicht mehr am Haus sein wird. Hier, in Wolfgang Quetes’ Oberon, hat sie wenig spektakuläre Momente, liefert eher nette begleitende Choreografien.