Das schlaue Füchslein im Wuppertal, Theater

Ein Märchen, ein trauriges

Das schlaue Füchslein – „ein fröhlich Ding“? Leos Janácek selbst hat seine Oper so charakterisiert, und gewiss hatte er dabei die Sommernachtstraum-Atmosphäre der Musik im Sinn, dieses feingliedrige Wogen und Weben. Und er dürfte eben das titelgebende Füchslein gemeint haben, das nach Herzenslust herumtollt, sich manchen Streich erlaubt, der großen Liebe begegnet und alsbald eine putzige Familie um sich hat.

Janácek mochte das Fröhliche nicht zuletzt im Kontrast zu seinen Opern um die tragischen Frauengestalten Jenufa und Kátja Kabanová gesehen haben. Und doch: Das schlaue Füchslein ist kein familienkompatibles Wohlfühlstück. Die teils dunkel gefärbte, schroffe Musik lässt Böses erahnen. Weit ausschweifende, tief romantische Klänge wiederum stehen einerseits für die Apotheose der Natur, zum anderen für menschliches Sehnen, Zweifeln und schließlich für eine Versöhnung mit den unausweichlichen Zeitläuften.

Janáceks „fröhlich Ding“ also ist voller Brüche, daraus erwachsen Spannungen. In Wuppertal nun hat sich Aurelia Eggers auf Spurensuche begeben und zwischenmenschliche Beziehungen ebenso durchleuchtet wie das Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Herausgekommen ist eine Inszenierung, die den märchenhaften Gestus der Oper nicht leugnet, vielmehr traumschön poetische Bilder liefert. Es ist indes gleichzeitig eine Deutung, die einsame Menschen zeigt. Insgesamt also eine starke, berührende, wirkmächtige Produktion.

Sie lebt nicht zuletzt vom Bühnenbild. Stephan Mannteuffel hat den Vordergrund, also die Spielfläche außerhalb des Waldes (das Försterhaus, die Gaststätte) mit zwei hohen Logen und einem eisernen Vorhang ausgestattet. Theater im Theater: Die Idee ist alles andere als neu, so legitim wie nicht zwingend. Wichtiger ist der Blick in den Bühnenraum. In der Mitte eine Schaukel, am Boden einige Amphitheatertreppen, umgeben von schrundigen, teils kohlschwarzen, teils grau-gilblichen Fassaden. Wir schauen auf eine Ruine, die sich der Natur ergibt.

Es ist ein symbolbehaftetes Bild. Zeichen fürs Vergehen, wo anfangs das Werden stand. Die Schaukel wiederum als stummer Zeuge kindlichen Glücks, auf der Füchslein und Goldfuchs nach ihrer Hochzeit schweben oder der Förster sich in Erinnerungen an die eigene Jugend verliert. Ein sanfter Regen ist dabei Ausdruck melancholischer Tristesse.

Der Förster also, kernig kraftvoll gesungen von Derrick Ballard: kein rauer Typ, eher einer auf der Suche seiner selbst. Zum gefangenen Füchslein keimt eine Art Liebe auf, es wird gewissermaßen zur Sehnsuchts-Projektionsfläche. Dies gilt im übrigen auch für Pfarrer (Ulrich Hielscher) und Schulmeister (Boris Leisenheimer), die markant und ausdrucksvoll ihren Liebeskummer aufklingen lassen. Die Konstellation macht zudem deutlich, dass die Regie die Grenze zwischen Tier und Mensch einreißt. Hier begegnen sich Kreaturen – als Bestandteile der Natur – auf Augenhöhe.

Fast rührt das Schicksal, die bisweilen kindliche Unbeholfenheit der Herren, mehr an als das Leben und Sterben des Füchsleins. Dorothea Brandts Stimme gibt der Rolle klare Kontur wie glühende Emphase. Sie ist so heiter wie bissig, so verliebt wie letztendlich verwundbar durch den fiesen Wilderer Haraschta, den Olaf Haye als dämonischen Schurken gibt.

Letzthin aber bleibt bei dieser schönen Inszenierung nicht die Gewalt in Erinnerung, sondern die Melancholie der Menschen, die Eleganz zauberhafter Feenwesen, die historisierenden Kostüme (Veronika Lindner). Und die wunderbare Musik, vom Sinfonieorchester Wuppertal in allen Verästelungen fein zelebriert. Unter dem Dirigat Hilary Griffiths’ werden zudem die romantisch-schwärmerischen Passagen mitreißend in emotionale Höhen geführt. Dieses Füchslein ist ein Märchen, wenngleich ein trauriges.