Josefine im Mönchengladbach, Theater

Stunde der Begegnung

Metall knirscht hämmernd auf Metall, scheint zu strukturieren, auszulösen, zu stoppen. 50 Menschen laufen über die weiße Bühne und die hellen Stege, die das Parkett durchziehen, verlassen den Zuschauerraum, tauchen irgendwo wieder auf. Sie geben Kafkas gesichtslosem „Volk der Mäuse“, unterstützt von Charlotte Pistorius‘ genauen Kostümen und Accessoires, faszinierende Gesichter, ganz echt – „authentisch“ – in ihrer Verlorenheit und Verbitterung, ihrer Suche, ihrer Freude, ihrem Gemeinschaftsgefühl.

Josefine heißt dieser merkwürdige Abend, nach Kafkas letzter Erzählung über eine Sängerin, die ohne originäre, kreative Kraft zum Idol eines Volkes wird, über die Rolle der Kunst generell. Josefine kommt in Mönchengladbach nicht vor, es sei denn man wolle die Zusammenkunft aller Sänger auf der Bühne zum Unisono-Pfeifen als Manifestation dieser Figur betrachten. Die Übertitelung legt diese Sichtweise nahe.

Im Mittelpunkt steht die Begegnung. „Da ich noch teilnahm an euch anderen…“ beginnt eine schroff klagende Stimme. „Ein einsamer Wald ist der Mensch in der Masse“ heißt es immer wieder. Resignativ klingt das, aber auch merkwürdig stolz – und sehnsüchtig. Und wenn sich dann wirklich mal zwei begegnen, wenn die Ignoranz aufhört, die Suche Erfolg hat, ereignen sich Momente großer Schönheit. Für diese hat der peruanische Komponist Sagardia reizvolle Klangpartikel erfunden, die geheimnisvoll aufeinander aufzubauen scheinen und oft auf improvisatorische Weise erzeugt werden. Für Gabriela Kuhn, Susanne Seefing, Andrew Nolen und Michael Siemon hat er schöne Vokalisen geschrieben und Sprechmonologe ausdrucksvoll unterfüttert. So schafft Sagardia für den eigens zusammengestellten, vom Regisseur Christian Grammel hinreißend geführten Laienchor ein ungewöhnliches, aber intensives Klangbett.

Vielleicht hätte man es bei dieser eigenwilligen, gleichwohl faszinierenden Versuchsanordnung belassen können. Aber das Team will mehr, Björn SC Deigner verlängert Kafkas Text im Internet, will die Vergrößerung der Leere zwischen den Menschen zeigen. Er findet auch einen sehr poetischen Text, vergrößert damit aber nur die Leere auf der von Agnes Fabich klug asketisch gestalteten Bühne und überfordert stellenweise sein Publikum. Da hätte etwas weniger Bedeutungswille wahrscheinlich doch zu mehr Ausdruck geführt.

Das schmälert aber die Leistung des Theaters und aller Mitwirkenden auf keine Weise. Neben dem Laienchor, aus dem immer wieder tolle Sprecherinnen hervortreten und den Solisten beeindrucken 16 Niederrheinische Sinfoniker und der Dirigent Lennart Dohms, der auch einen Monolog zu halten hat – über die Sehnsucht nach Gemeinschaft!  

Im November geht die Produktion nach Krefeld.