Salome im KonzertTheater Coesfeld

Verblassende Macht

„Und das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes“. Salome hat keine Angst mehr vor dem Tod. Der geliebte Jochanaan ist bei ihr, zieht ihr wetterfeste Kleidung an und Wanderstiefel für die Reise in die Unendlichkeit. Soll der Tod sie also schrecken? Nein, jetzt nicht mehr. Deshalb läuft der furchtbare Befehl des Herodes auch ins Leere: „Man töte dieses Weib“.

Schrecken und Angst hatte sie vorher zur Genüge am Hofe ihres Stiefvaters Herodes, der genauso abgewrackt ist wie der Palast in dem er residiert. Maren Greinke stellt eine Kuppel, die deutlich bessere Tage gesehen hat, auf die Bühne. Bei allem offensichtlichen Niedergang: es wird geschachert, es werden Intrigen gesponnen, als ob der Hof noch immer in ganzer Pracht dastände.

Regisseur K. D. Schmidt deutet das an. Ganz intensiv und wirklich berührend wird seine Sichtweise am Schluss und auch im Schleiertanz. Da wandelt sich Salome vom Objekt der Begierde zum handelnden Subjekt, entlarvt die Gaffer, entblößt sie und schafft ein ganz skurriles Ballett von Gier und Eitelkeit. Das ist ein wirklich großartiger Moment dieser Salome, der dem Regieteam in der heikelsten Passage von Richard Strauss’ immer wieder atemberaubendem Werk da gelingt. Da stört dann auch das oft etwas statisch wirkende Herumstehen der Nebenfiguren nicht, die während der Oper ständig auf der Bühne sind.

Beim Gastspiel des Oldenburgischen Staatstheaters im Coesfelder Konzert-Theater läuft es auch musikalisch rund. Thomas Dorsch lässt sein Orchester aufbrausen und die ganze schwüle Stimmung der Partitur in den Saal strömen – ist nur bisweilen etwas laut, was aber sicher den besonderen akustischen Verhältnissen in Coesfeld geschuldet ist.

Sängerisch präsentiert sich das Oldenburger Ensemble brillant. In den kleineren Rollen gibt es keinerlei Schwachstellen, in den großen schon gar nicht: Saskia Klumpp ist eine Herodias, die eher vornehm denn verkommen wirkt. Daniel Ohlmanns heller Tenor kommt der Rolle des Narraboth sehr entgegen. Peter Felix Bauer ist als Jochanaan eine wahre Trompete des Herrn, der alle Gegner zu Boden singen kann. Albert Bonnemas Herodes ist ideal: keifend, geifernd, lüstern sinnierend, schmeichelnd und tötend – Bonnema kann alles. Das gilt auch für Allison Oakes. Sie verleiht der Salome Kraft, Leidenschaft, Hoffnung und Zerstörungswut. Ihr Sopran scheint unerschöpflich.

Das Coesfelder Publikum holt kurz Atem, ist dann nach dem Schlussakkord absolut begeistert.