Le Nozze di Figaro im Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier

Im Labor der Treue

Ein Raum, ein Dreieck, hohe Holzwände, ein intimes, gewolltes oder aufgezwungenes Seelen-Gefängnis, das sich erst ins Mythisch-Offene verändert, wenn die Nacht mit ihrem amourösen Maskeraden-Spuk im Schlossgarten beginnt: Der Graf ist auf ein neues Mädchen-Abenteuer aus, Figaro sucht seine „wahre“ Susanna, Cherubino steht zwischen allen Stühlen, das alte Paar gibt sich zuversichtlich, jeder stürzt sich auf seine Weise in diesen privat gefährlichen Sommernachtstraum – und dazu Mozarts friedlich-inspirierende Menschenmusik mit Zuversichtsfunken: Das ist das Ende eines dreieinhalbstündigen Abends im Gelsenkirchener Musiktheater, der im Jubel für die Solisten und den Dirigenten/das Orchester zu ertrinken scheint. Peter Hailer inszenierte Le nozze di Figaro (1784), die Verwandlungskomödie (-tragödie?) als Treue-Labor, als jederzeit doppelbödige und vielschichtige Psychogramm-Studie für Neuorientierungen in einer delikaten Umbruchsepoche. Der Graf sieht seine Felle schwimmen, die Gräfin hofft verzweifelt auf einen scheuen ehelichen Zweitbeginn, der nachdenkliche, geläuterte Figaro und „Siegerin“ Susanna sehen ihre Chance in der nahen, „freien“ (?) Zukunft, die Untertanen, schon bürgerlich für eine neue Zuordnung gepolt, nehmen Platz auf dem Platz, der eigentlich dem „Herrn Grafen“ vorbehalten ist… Sie alle sind keine besseren, wertvolleren Menschen in der da Ponte/Beaumarchais-Story geworden, wohl aber starten sie mit zuweilen bitterer Erfahrung neu. Mit gedämpfter Hoffnung und Erwartung. Die Französische Revolution steht vor der Tür.

Eine Szene in einem insgesamt akzeptablen, geschlossenen Konzept ohne Mätzchen und ohne den Drang, unbedingt etwas Modisch-Neues in das Werk einzuführen, dürfte dennoch für Diskussionen sorgen. Hailer lässt nämlich den Adelsvertreter, der eigentlich nur sein Recht (der ersten Nacht: ius primae noctis) einfordern will, buchstäblich halbnackt in Unterhosen und Hemd auf der Bühne stehen. Doch er vermittelt dabei nicht Voyeursaspekte, sondern dieser Macho als Vertreter des hohen Privilegstandes muss angesichts der Wirklichkeiten und Wahrheiten am Ende dieser entwaffnenden, symbolträchtigen Nacht die Hosen herunter lassen. Der Strip Almavivas erfolgt demnach zwangsläufig und ohne schlüpfrig-krachendes Lachtheater. Im Gegenteil: Man (das Publikum und auch die Akteure auf der Bühne) hat Mitleid mit diesem Kerl, der seine neuen Grenzen anerkennen muss. Die Zeiten haben sich halt geändert. Für alle. Diese Einsicht ist dem großen Theatermann Beaumarchais zu verdanken.

Es gibt drei besondere Gewinner dieser erlebenswerten Produktion: Das ist die Susanna der Alfia Kamalova, eine Paradepartie für die junge, so authentisch wirkende Künstlerin; das ist die im Leid erstarkende Gräfin der Petra Schmidt (schönster Moment, wenn sie ihren Schmerz verhärmt mit sich aushandelt, um dann neue Hoffnung für sich vokal zu begrüßen); und der junge finnische Dirigent Valtteri Rauhalammi. Wie er das Mozart-Orchester der Neuen Philharmonie formt und federnd antreibt, das gesamte Spektrum der Emotionen instrumental aufgreifend, wie er das Ensemble elegant begleitet – das ist vorzüglich. Man darf gespannt sein, wie sich der neue 1. Kapellmeister am MiR weiter entwickelt. Mozart jedenfalls „kann“ er!

Nicht dass ein falscher Eindruck entsteht: Auch das übrige MiR-Ensemble, das bei dieser Figaro-Deutung ohne Spezialisten oder Gäste auskommt, kann mit vokalen Meriten aufwarten. Das gilt vor allem für den gar nicht triumphierenden oder halbstarken Figaro (Piotr Prochera), für den koboldhaft-ernsten Cherubino von Anke Sieloff, für Michael Dahmen als Verlierer-Graf, für Almuth Herbst als Marzellina und Dong-Won Seo als Bartolo. Sie alle löst Hailer aus dem historischen Bilderrahmen der Konvention und Tradition, um jedem Charakter einen kleinen Seitenblick zu ermöglichen: Seht, hier geht es äußerst menschlich, damit aber auch vieldeutig zu. Eine Lektion darüber, wie Menschen Vertrauen brechen.