Il Trovatore im Detmold, Landestheater

Zeitloses Drama

Ob Zigarre oder Zigarette: es wird ordentlich geraucht im Detmolder Trovatore. Da sind die hochrangigen Offiziere, angeführt vom Grafen Luna, die gerade ein zünftiges Gelage mit viel Sekt und wenig weiblichem Dienstpersonal veranstalten; da ist Leonore, die vielleicht einmal eine Hofdame der Prinzessin von Aragon gewesen ist, jetzt aber in einer Lederjacke mit Fransen und einem kurzen engen Glitzerkleid steckt und sich gemeinsam mit ihrer Freundin Inez gern mal einen Glimmstengel anzündet. Das wirkt ein wenig prollig, lässt aber erahnen, dass Leonore die Fronten gewechselt hat, ist sie doch unsterblich verliebt in Manrico – und der ist in der Lesart von Regisseur Dirk Schmeding nicht so sehr der singende Wandersmann mit Liedern von Liebe und Leidenschaft auf den Lippen, sondern ein sehr selbstbewusster Widerstands- oder Freiheitskämpfer. Und er ist der verhasste Kontrahent des Grafen Luna, der dieselbe Leonore besitzen will – dies allerdings ein ziemlich einseitiges Begehren.

Dirk Schmeding legt Giuseppe Verdis Trovatore an als ein zeitlos finsteres Stück, überall dort vorstellbar, wo es um Macht und Gewalt, um aufopferungsvolle Liebe und unverbrüchliche Treue geht. Und er kommt dabei ganz ohne aufwändige und opulente Mittel aus, setzt die acht Bilder der wegen ihres kruden Librettos so oft gescholtenen Oper klar und schnörkellos um, unterstützt von Ausstatterin Susanne Ellinghaus. Mitunter wirken diese Bilder ein wenig plakativ und abgegriffen: Leonores Einkleidungsszene im Kloster beispielsweise, zu der Kreuze aus Leuchtstoffröhren vom Schnürboden herabfahren – oder Leonore selbst mit etwas zu blondem, zu langem und zu engelhaftem Haar. Manrico dagegen wirkt ganz witzig mit seiner uneinheitlich-gegensätzlichen Ausstattung: hier Brustpanzer, dort Gitarrenkoffer. Verblüffend einfach, aber aussagekräftig das Heim der Zigeunerin Azucena: da wird flugs das Bodentuch an einer Ecke hochgezogen – und fertig ist die Wohnung! Sehr praktikabel für die Detmolder Theaterleute, die mit dieser Inszenierung in Erfüllung ihrer Aufgabe als Landestheater ja auf Reisen gehen. Eindringlich die Kerker-Szene mit vielen namenlosen Gefangenen, die nach und nach abgeführt werden – von Graf Lunas weiblichem Dienstpersonal mit Spitzenhäubchen aus dem ersten Bild, dessen weiße Schürzchen nun aber vor Blut triefen.

Erich Wächter steht am Pult des Symphonischen Orchesters des Landestheaters. Und das liefert einen warmen Verdi-Klang, der selbst im knalligen Fortissimo nirgends aufdringlich aus dem Orchestergraben tönt. Holz, Blech, Streicher – Wächter schafft überall Ausgeglichenheit und Homogenität, die Abstimmung mit dem Geschehen auf der Bühne ist perfekt. Aus der Reihe der Solisten sticht sie ganz besonders hervor: Evelyn Krahe. Immer wieder bot die Altistin in den letzten Jahren beeindruckende Rollenportraits, so etwa als Erda im vielbeachteten Ring des Nibelungen oder als Carmen. Jetzt fühlt sie sich hinein in die Lebenswelt der Azucena, gibt ihr diabolische Züge und transportiert sehr differenziert die ganze Tragik dieser Frau, die einst ihrer dem Scheiterhaufen ausgelieferten Mutter Rache versprach. Krahes enormer stimmlicher Ambitus erlaubt bruchlose vokale Linien von tiefster Tiefe bis hin zu unangestrengter Höhe. Ihr „Stride la vampa“ zählt deshalb zu den musikalischen Höhepunkten der Inszenierung, berührend auch ihr Duett mit Manrico („Non son tuo figlio?“), dem sie seine wahre Identität verrät.

Emmanuel de Villarosa ist dieser Manrico, ein quirliger, entschlossener, etwas verwegener Bursche, der in Schmedings Inszenierung vom ersten Moment an als völliger Antipode zu Graf Luna und seiner militärisch geprägten Gesellschaft auftritt. De Villarosa mobilisiert seinen intonationssicheren Tenor, schwingt sich – vor allem im „Di quella pira“ wie selbstverständlich hinauf in die hohen Töne, schafft erwartungsgemäß auch ein strahlendes „C“. Marianne Kienbaum-Nasrawi übernimmt die Partie der Leonore, wirkt dabei stimmlich anfangs leicht eindimensional und mit etwas zu wenig flexibler Dynamik. Das ändert sich spätestens in ihrem großen Monolog „D’amor sull’ali rosee“ vor dem Gefängnis, das durch eine schlichte, ja eigentlich schäbige glatte Wand angedeutet wird. Hier entladen sich große Emotionen, die Kienbaum-Nasrawi sehr überzeugend entfaltet. Auch und gerade in der Szene, da sie dem fiesen Grafen Luna die wahren Liebesverhältnisse darlegt. James Tolksdorf stattet diesen Typen, der rücksichtslos von Leonore Besitz ergreifen will, mit üppiger vokaler Fülle und schönem Timbre aus. Hyunseung You, Mitglied des Opernstudios Detmold, macht als Lunas Vertrauter Ruiz eine prächtige Figur. Gleiches gilt für Hoe Chun Kim und Kyung-Won Yu (Zigeuner und Bote) aus dem Opernchor des Theaters – zwei ganz ausgezeichnete junge Stimmen, paradigmatisch für die Qualität dieses von Marbod Kaiser geleiteten Chores.

Detmolds Premierenpublikum zeigte sich begeistert.