Nowhere Men im Oberhausen, Theater

Don’t Turn On The Light

Nowhere Men sollte das Pendant zu Face-Book werden, nach dem Songbook für Frauen nun ein Abend für Männer, mit Musik von Männern für Männer, mit Liedern von den verlorenen Abenteurern der 60er Jahre, den oft enttäuschten Visionären und Revoluzzern. Anja Schweitzer, die einzige Frau auf der Bühne an diesem Abend, wird von der Kostümbildnerin Mona Ulrich als eine Art Barbarella ausstaffiert und mit Alice-Cooper-Gesicht auf die Bühne geschickt – und das steht scheinbar symbolisch für das ganze mehr als zweistündige Konzert. Musik aus den Swinging Sixties ist angekündigt, aber es wird mehr harter Rock als Herman and the Hermits, mehr Mick Jagger als House of the Rising Sun - dominant in der rasanten, lautstarken Bühnenshow bleiben die aufbegehrenden, treibenden Rock-Rhythmen; die Melancholie und die unbeschwerten, fröhlichen, hüpfenden Melodien, die die Swinging Sixties ja ebenfalls mit sich brachten, bleiben … nun, sagen wir: massiv unterrepräsentiert.

Das ist schade, denn so fehlt einem musikalisch gelungenen Abend zumindest für den gemütlich gewordenen älteren Herrn das Sahnehäubchen. Der Publikumsgeschmack wird ein wenig einseitig befriedigt, und erstes Johlen und Mitswingen im Parkett setzt erst nach einiger Gewöhnungszeit ein. Doch jammern wir nicht: Der Abend steckt voller Rhythmus, und der Regisseur und Musikalische Leiter Otto Beatus hat halt keinen repräsentativen Überblick über die Musikszene der Sixties schaffen wollen, sondern er spielt seine Lieblingsmusik. Beatus und seine fabelhafte Theater-Band, die neben Paul Wallfischs Botanica zum Besten gehört, was wir auf Nordrhein-Westfalens Schauspielbühnen an pop- oder rockmusikalischen Delikatessen geboten bekommen, drücken permanent auf die Tube, permanent im pulsierenden Sixties Rock von My Generation das wir später noch einmal als Zugabe hören werden.

Es ist ein Abend der Musik, nicht mehr. Wer eine Geschichte hinter all den Liedern erwartet, wird enttäuscht. Das zumindest ist ehrliches Handwerk, denn geben wir’s zu: All diese Liederabende von Wittenbrink oder Gedeon, die an anderen Häusern stets als „diesmal ganz anders“ angekündigt werden, weil sie angeblich eine echte Geschichte erzählen, leben doch auch nur von den Sängern und den Liedern und manchmal einer witzigen Song-Collage, aber wer eine ernsthafte Aussage dahinter behauptet, wirkt eher peinlich.

Diese Gefahr besteht in Oberhausen nicht. Text kommt kaum vor, sieht man einmal von ein paar Zitaten von Musikern wie John Lennon, Frank Zappa oder Bill Wyman ab. Bilder von John F. Kennedy, Fidel Castro oder Martin Luther King, kurze Zitate von Rudi Dutschke, Gudrun Ensslin, Ernst Bloch oder Peter Schneider sollen den Abend in den 60ern verankern, ohne dass sie jedoch die politische Atmosphäre dieser Zeit zwischen Kaltem Krieg und heißer 68er Schlacht, zwischen revisionistischem Konservativismus und aufrührerischer, bald sogar in Terrorismus mündender Studentenbewegung vermitteln. Sie bleiben Dekor wie die psychedelischen Farbmalereien auf dem kleinen Videobildschirm hinten halbrechts – der leider zu klein ist, um das Publikum auch emotional zu erreichen und auf einen Trip mitzunehmen, dessen Bilder aber ebenso wie das hübsche Bühnenbild mit seinen großen schwarzweißen Karos und Streifen den 60er-Jahre-Stil recht zutreffend wiedergeben. Und doch erweisen sich diese Zitate, diese Dekor-Elemente als der eigentliche Subtext der Inszenierung: Im Laufe des Abends verändert sich das Outfit der Sänger; es wird immer bunter und entspricht immer weniger den Normen des … damals sagte man wohl: Establishments. So vollzieht es die Entwicklung der 60er-Jahre-Jugend nach: ihre wachsende Emanzipation vom Muff ihrer Eltern, die zunehmende Rebellion, das Streben nach – auch sexueller – Befreiung.

Es ist eine tolle Band, die die Oberhausener da zusammenhaben und aus der an diesem Abend vor allem Peter Engelhardt an der E-Gitarre hervorzuheben ist. Und es ist eine unfassbar musikalische Schauspieltruppe, die uns da eine Ansammlung heißer Nummern auftischt. Anja Schweitzers rauchige, androgyne Stimme fasziniert immer mehr -  insbesondere, wenn sie am Ende When the Music’s Over von den Doors interpretiert, entsteht eine Atmosphäre zum Hineinlegen. Für den eher dem romantischen, melancholischen Sound zugeneigten Schreiber dieser Zeilen war der Höhepunkt des Abends die Interpretation von John Lennons Working Class Hero. Zunächst als Duett gesungen von Sergej Lubic und Eike Weinreich, gesellt sich später Jürgen Sarkiss hinzu – der großartige Jürgen Sarkiss, der offenbar ein paarmal „Hier“ geschrien hat, als Gott die guten Gaben verteilt hat. Er ist nicht nur einer der besten Schauspieler im Ensemble, sondern auch der beste Sänger (und gut aussehen tut er auch noch); nur sein Bob-Dylan-Versuch mit It’s All Right, Ma krächzt mehr, als er sollte. Vielmehr so, wie die Musikalische Leitung es wohl wollte: Denn das Aufbegehren der angry young men der Sixties kommt in dem Sprechgesang gut rüber.

Gerade Sarkiss kann jedoch auch melancholisch, melodiös. Einschmeichelnder als David Bowies Original klingt The Man who Sold the World. Und dass er auch Dylan kann, zeigt er im auch den Skeptiker endgültig mitreißenden Schlussstück: Dylans Like A Rolling Stone wird von allen Sängern und Schauspielern abwechselnd sowie später gemeinsam gesungen, aber wieder ist Sarkiss der Beste. Längst gilt für das neue Oberhausener Songbook, was Alan Price in einem der schönsten Stücke des Abends seinem Mädchen sagt: It’s got a spell on us. – „When the music’s over turn out the light“, hatte Anja Schweitzer gerade noch geröhrt. In Oberhausen turnen sie das Light nun on, aber vergebens: Fast 20 Minuten Standing Ovations, rhythmisches Klatschen und Zugaben gab’s, bevor Otto Beatus uns alle auf ein Bier in der Rauchbar vertröstete. Es ist eine Schande, dass dieser Mann sich nun zum Jahresende in den Ruhestand verabschieden will.