Rico, Oskar und die Tieferschatten im Burghofbühne Dinslaken

Der „Tiefbegabte“ zeigt es allen!

Oskar ist der „Hochbegabte“ – und das Gegenteil wird gebildet von Rico. Deshalb sagt er von sich, er sei der „Tiefbegabte“. Aber ausgerechnet er sorgt im prallen Familienstück Rico, Oskar und die Tieferschatten von Andreas Steinhöfel dafür, dass der Entführer von Kindern, der jeweils von den Eltern 2.000 Euro erpressen will, gefasst wird. Weil er beweist, dass er zwei und zwei zusammenrechnen kann, dass er zusammen mit Freund Oskar eine Macht ist, weil er aufgepasst hat und aktiv wird.

Steinhöfel ist eine interessante Mischung gelungen: Die Geschichte spielt im Berliner „Milljöh“, mixt soziale Typen-Studie mit psychologischem Thrill, baut auf spannende Elemente und sorgt ganz unaufgeregt für ein Fairplay zwischen denen, die gerade mal nicht im Licht stehen, und denen, die die besten Talente für das Leben besitzen. Was das Stück so sympathisch macht, ist die Sicht auf den „Tiefbegabten“: Er spielt – eine Art Berliner Forrest Gump der netten Einfältigkeit – die Hauptrolle. Rico teilt sein Innenleben, seine Zweifel, seine Sorgen, seine Nöte in kleinen Spots an der Rampe mit. Er hat seine Vorzüge! Steinhöfel benötigt nicht einmal einen dick aufgetragenen Zeigefinger, um sein pädagogisches und moralisches Potenzial an diesem Charakter aufzuzeigen. Unsentimental, aufrichtig und freundlich rollt das Geschehen in der typischen Anonymität einer Mietskaserne ab. Und plötzlich werden alle Figuren dort plastisch und farbig.

Ja, und dann sind da noch die „Tieferschatten“, die als unheimliche Kulisse im Hinterhaus wahrgenommen werden. Doch auch hier siegen Lauterkeit und Nachdenklichkeit über Desinteresse. Und wieder ist es Rico, der seinen ängstlichen Freund dafür gewinnt, hinter die Dinge zu schauen: Die Schatten gehören nämlich den eingesperrten Kindern! Übrigens: Auch der Bösewicht hat seine guten Seiten. Hier wird also nicht nur auf schlichtes Schwarz-Weiß-Denken gepocht. Der Autor weiß zu differenzieren.

Die Inszenierung von Stefan Ey dokumentiert einmal mehr, wie verantwortungsbewusst und sinnlich das kleine Landestheater mit diesem Genre umgeht. Jeder einzelne Charakter – besonders sicherlich die beiden Jungen Rico und Oskar – lebt von der Erfahrung, geprägt vom Umfeld, von der Ernsthaftigkeit der Situation. Da wird nichts veralbert oder auch nicht pathetisch überhöht.

Daniele Nese ist der Sympathicus als Federico Doretti, der mit seiner Mutter Tania (eine Witwe) zusammenlebt, natürlich hat er Wünsche und Projektionen, aber er arrangiert sich mit dem Machbaren des Berliner Alltags. Carlo Sohn ist der begabte Oskar, der sein Wissen vom Mond beispielsweise so „cool“ rüberbringt; Lara Christine Schmidt gibt der jungen Mutter Halt und Natürlichkeit. Barbara Portsteffen, Anton Schieffer und Christoph Bahr ergänzen das spielfreudige Ensemble auf der stufig geformten Bühne (Harry Behlau), mit der man mit ganz einfachen bildnerischen Mitteln das Mit- und Nebeneinander von Familien und Singles in einem großen Mietshaus darstellt.

Steinhöfel und Ey – zwei Garanten für gutes, unterhaltsames Jugendtheater. Entsprechend lebhaft reagierte das Publikum.

(Die hier besprochene Aufführung am 20. Februar 2014 fand statt in der Aula des Josef Albers-Gymnasiums in Bottrop)