Übrigens …

Ausser Kontrolle: Carmen im KJT Dortmund

Carmen und die Mädchenbande

„Diese Musik scheint mir vollkommen. Sie kommt leicht, biegsam, mit Höflichkeit daher. Sie ist liebenswürdig, sie schwitzt nicht.“ Friedrich Nietzsches Charakterisierung von Georges Bizets Carmen zeugt von trefflicher Beobachtungsgabe und analytischer Schärfe. Freilich, der Philosoph, einst Wagner-Verehrer, dann glühender Verächter des Musikdramatikers, hat hier den Deutschen gegen den Franzosen ausspielen wollen. Doch unabhängig von solcherart ästhetischen Scharmützeln bleibt festzuhalten, dass Bizet bei aller Dramatik des Stoffes, bei allen Anklängen an die Wucht des Verismo, eine durchsichtige, elegant betörende wie packende Musik geschrieben hat.

Carmen zu hören, und zu sehen, ist am Theater Dortmund jetzt auf zwiefache Weise möglich. Im Großen Haus läuft die Oper in einer szenisch flauen, musikalisch aber spannenden, so scharf akzentuierten wie delikat melodischen Variante. Stark kontrastierend dazu Ausser Kontrolle: Carmen im Kinder- und Jugendtheater (KJT) der Stadt, eine Produktion, die auch von der Jungen Oper verantwortet wird. Hier haben wir es gewissermaßen mit der Verwendung (und Verfremdung) des Carmen-Materials zu tun. Denn die jugendkompatible Fassung von Michael Hönes und Brigitta Gillessen orientiert sich einerseits stark an Prosper Mérimées Carmen-Novelle, spart indes die musikalischen „Hits“ nicht aus, weist zudem zwei Rappern eine kommentierende Funktion zu.

Diese Mixtur wirft Fragen auf. Die erste bezieht sich direkt auf Nietzsche. Kann ein 14köpfiges Kammerorchester diese ohnehin lichte, nicht schwitzende Musik so wiedergeben, dass die Faktur nicht zerfasert, die Dramatik nicht leidet? Macht es Sinn, die nicht eben unwichtige Figur des Don José nur als Sprechrolle zu präsentieren? Schließlich: Inwieweit sind die Rap-Einlagen organisch eingepasst?

Nun, die Dortmunder Philharmoniker schlagen sich unter Michael Hönes’ umsichtiger Leitung wacker, die Bläser sorgen, bei wenigen Fehlgriffen, für atmosphärische Farben. Mag auch die Dramatik hinter einem großen Klangkörper zurückstehen, werden doch in Verbindung mit den Sängern starke Gefühlsintensitäten freigesetzt. Das ist vor allem der Mezzofarbvielfalt Hasti Molavians in der Titelrolle zu danken, aber auch den leidenschaftlichen Leidenstönen, die Engjellushe Duka (Micaela) formt. In der Regie von Brigitta Gillessen ist diese Rolle im übrigen deutlich aufgewertet.

Denn es ist Micaela, die am Ende den Fokus auf sich zieht. Carmen stirbt, der jungenhafte, zwischen den Gefühlen dahintaumelnde, rauflustige Don José ist ihr eifersüchtiger Mörder. Steffen Happel spielt das engagiert, bisweilen etwas hölzern. Er ist der schwache Gegenpol zum Torero Escamillo, der hier zum Motorradrennfahrer mutiert. Leider singt Christian Henneberg diese Partie ähnlich grobschlächtig, wie er als Rivale auftritt. Der Verzicht auf den Sänger Don José wertet die Figur zudem nicht gerade auf.

Schließlich die Rapper: Der Wolf (Jens Albert) und Timo Gilenberg, in der Szene durchaus bekannt, passen sich ins Geschehen gut ein. Mitunter schwer verständlich, vermitteln sie glaubwürdig, dass Themen wie Liebe, Leidenschaft und Eifersucht uns bis heute etwas angehen. Und dieser Carmen-Plot ist von charmanter Modernität, weil etwa die Regie Carmen als Chefin einer Mädchengang auftreten lässt, die in ihrem Club „La Corrida“ (Stierkampf) singt und tanzt – und mit Rauschgift handelt. Die so lasziv wie geschäftstüchtig agiert. Ausstatterin Ute Lindenbeck hat ein dezentes Spanien-Ambiente geschaffen, hütet sich so vor banaler Historisierung.

Ausser Kontrolle: Carmen ist ein Spiel für jung und alt, das funktioniert. Wenn auch manches wie improvisiert daherkommt. Den Reiz der Oper aber, den gibt’s wohl nur im Original.