Don Quichotte im Theater Hagen

Ein Ritter, der aus der Zeit gefallen ist

Erst vor wenigen Monaten kam diese hierzulande selten gespielte Oper des französischen Romantikers in Gelsenkirchen heraus: Dort inszenierte man ein Requiem auf Don Quichotte, diesen edlen Ritter von der traurigen Gestalt. Der Tod war stets präsent in dieser gefeierten Aufführung. Ganz anders sieht Gregor Horres das Cervantes-Opus, das 1910 in Paris uraufgeführt wurde – als Hommage an einen literarischen und moralischen Helden, an die frühen Formen der Musikgeschichte, an die commedia dell’arte und generell an die unsterbliche Liebe. Horres hält sich an das Mittel der Parodie bei dieser „Comédie héroïque“, wie Massenet und sein Librettist Henri Cain die Tragödie des Spaniers Miguel de Cervantes (nach einer aktualisierten Dramatisierung) einordneten. Alles, vor allem die Figuren, sieht Horres schrill, grell, ein wenig schief. Nur der Titelheld, dieser hagere, weißhaarige Triumphator menschlichen Rechts, wird von diesem schrägen Blick verschont. Das ist gut so.

Denn mit Orlando Mason besitzt die sehr beifällig aufgenommene Hagener Produktion einen hoch und schlank aufgewachsenen Quichotte, wie er kaum besser im Gedenken an die Romanvorlage besetzt werden kann. Nur im Gesang hätte Mason ein wenig mehr Kraft, Substanz und Glanz in seinen ariosen Kommentaren über Menschheit und die ewige Liebe, die seiner angehimmelten Kurtisane Dulcinea gilt, investieren können. Aber in Gestik, Haltung, Charakter und bei der Verteidigung seiner humanistischen Positionen trifft er jede Nuance: ein starkes Erlebnis, wenn er auf dem technischen Räderwerk seines Vierbeiners Rosinante würdevoll die Bühne „betritt“ – ein Ritter, der aus der Zeit gefallen ist. Und Regisseur Horres macht zusammen mit Bühnenbildner Jan Bammes, der mit Schatteneffekten und viel Nebel arbeitet, von Beginn an deutlich: Dieser Don Quichotte kämpft nicht gegen Riesen, Räuber oder Windmühlenflügel – sein Problem ist die „Neuzeit“, der technische Fortschritt, die Gefühlskälte, die Torheit und die Gier der Gesellschaft.

Sein bodenständiges Alter Ego, Diener Sancho Pansa, kutschiert mit einem umgebauten Einkaufswagen an der Seite seines heroischen Repräsentanten durch die eigentlich ziemlich kühle Fassaden-Szene. Dieser witzige Geselle, ein Mann aus dem Volke, ist eigentlich der einzige Mensch, der – trotz seiner zuweilen respektlosen Kommentare – das soziale und historische Dilemma des an der Liebe Scheiternden begreift und letztlich sogar verteidigt. Rainer Zaun mischt in seiner Interpretation Scherz, Ironie und tiefe Bedeutung – eine echte Buffo-Type.

Musikalisch ist die Hagener Einstudierung fast durchweg ein Genuss, weil GMD Florian Ludwig die Partitur mit der Kenntnis des leisen, aber behutsamen Graveurs auslegt: Die Melancholie – auch im aufschäumenden Pathos - ist der ständige Begleiter von Orchester und Solisten. Und er macht sich zum demutsvollen Partner des Komponisten. Massenet bekommt, was er braucht: Farben, Farben, Farben. Das Philharmonische Orchester malt in Pastell. Die Sängerinnen und Sänger führt Ludwig überwiegend an der langen Leine.

Neben Mason und Zaun wirken noch mit schönen, abgerundeten, meist lyrischen Stimmen mit: Kristine Larissa Funkhauser als Pop-Ikone Dulcinea, Maria Klier als Pedro, Richard van Gemert als Don-Juan-Variante sowie Veronika Haller, Kejia Xiong und Marilyn Bennett .

Wer Massenets zuweilen parfümierte, „späte“ Klanglandschaften schätzt, sollte sich beide Fassungen (in Hagen wie in Gelsenkirchen) anhören und –sehen. Beide haben ihre theatralischen Meriten.                          

 

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