Jenufa im Essen, Aalto-Theater

Zutiefst berührend

Es gibt sie, diese menschlichen Lebensgemeinschaften oder Millieus, in denen den Bewohnerinnen und Bewohnern so gut wie nichts Privates bleibt, wo alle alles geradezu voyeuristisch beobachten, in denen klare Regeln darüber herrschen, was geht und was nicht – und wo diese Regeln, geprägt von Motiven wie Ehre und Anstand, von jedem Einzelnen internalisiert worden sind. Genau in einem solchen Mikrokosmos lebt Leos Janaceks Küsterin – und genau deshalb kann sie nicht damit umgehen, dass ihre Stieftochter Jenufa ein uneheliches Kind zur Welt gebracht hat, dessen Vater ausgerechnet der von ihr gehasste trunksüchtige Stewa ist. Die Küsterin: ein Wesen, das „die Schande“ um jeden Preis verhindern will, mit der (aus ihrer Perspektive) guten Absicht, Jenufas Leben quasi zu retten. Deshalb wird Jenufas Säugling von ihr im eisigen Fluss ertränkt.

Regisseur Robert Carsen hat dieses jetzt in Essen gezeigte Drama bereits vor 15 Jahren für die Flämische Oper in Gent konzipiert, und dies mit großer Spannung und einem tiefen psychologischen Blick auf die handelnden Personen – unterstützt von Bühnen- und Kostümbildner Patrick Kinmonth, der sich ganz schlicht zweier Dutzend alter schäbiger Türen mit und ohne Fenstern bedient. Anfangs bilden sie ein nahezu geschlossenes Rechteck. In dessen Zentrum: Jenufa. Von außen umringt und betrachtet von der Dorfgemeinschaft. Diese ganz einfach in den Bühnenboden eingesteckten Türen verändern im Laufe der Oper ihre Position und bilden die bescheidene, wenn nicht spartanische Behausung der Küsterin. Optisch also eine eigentlich recht unspektakuläre Raumlösung – aber gerade deshalb so ungemein passend für die Umsetzung der so vielschichtigen, höchst komplizierten Beziehungen, die Janacek mit seiner bezwingenden Musik intensiv ausleuchtet.

Da ist es ein Glücksfall, dass für die Neueinstudierung auf der Bühne des Aalto-Theaters Sängerdarstellerinnen und –darsteller agieren mit großem Potenzial, just diese psychologischen Dimensionen ihrer Lebenssituation glaubwürdig zu transportieren. Sandra Janusaite als Jenufa durchlebt, durchleidet ihr Schicksal mit Haut und Haar, exemplarisch in ihrem großen Monolog nach ihrem Aufwachen aus jenem Schlaf, den ihr die Küsterin mit einem narkotisierenden Trank beschert hat, um das Baby ertränken zu können. Katrin Kapplusch ist diese Küsterin, wissend, dass sie ein Verbrechen begeht, hoffend, dass sie das Richtige tut. Diesen Zwiespalt macht sie dem Publikum in jedem Moment erfahrbar - genauso wie Jeffrey Dowd keinen Zweifel daran lässt, unsterblich in Jenufa verliebt zu sein, obgleich diese ihre Liebesgefühle erst einmal gegen ihn und stattdessen ganz auf seinen Stiefbruder Stewa richtet. Den gibt Alexey Sayapin als burschikosen Lebemann, der von seiner Verantwortung für das gemeinsame Kind nichts wissen will. Dies alles sind treffend gespielte Rollenportraits.

Carsens Inzenierung ist eine zufiefst berührende. Nicht zuletzt deshalb, weil er einen doch recht optimistischen Schluss findet: Jenufa als Gütige mit großem Verständnis für die panische Mordttat ihrer Stiefmutter. Und für das allerletzte Bild verschwinden sämtliche Türen, es bleibt die rostbraune trockene Erde auf der angeschrägten Bühne und zwei Personen: Laca und Jenufa. Aus weiter Ferne sehen sie sich an, kommen sich langsam näher – und aus den Wolken nieselt Regen nur zu diesem einen Zweck: den dürren Boden lebendig zu machen!

Mit der letzten Premiere der laufenden Spielzeit kann Essen punkten, auch die Essener Philharmoniker unter Leitung von Tomas Netopil. Der schafft es mühelos, alle möglichen Farben und Stimmungen zu entfalten, die in Janaceks Partitur schlummern.