Don Giovanni im Theater Krefeld

Mehr Dramma oder mehr giocoso?

 

Im Oktober 2011 schlug die Inszenierung von Le nozze di Figaro durch Kobie van Rensburg am Theater Mönchengladbach nachgerade wie eine Bombe ein. So burlesk und auf moderne Weise komödiantisch aufgefrischt hatte man Mozarts Opera buffa bislang kaum gesehen. Der südafrikanische Regisseur ist als Tenor vor allem mit Barockrepertoire (oft unter der Stabführung von René Jacobs) und Mozart-Partien (2006 Idomeneo an der Met) bekannt geworden, wirkte 2005 aber auch bei einer Produktion von Wagners Holländer beim Westdeutschen Rundfunk Köln mit (Cappella Coloniensis unter Bruno Weil). Wie weit er als jetzt Mittvierziger seine Sängerkarriere noch ausübt, ist nicht verlässlich bekannt. Seine Inszenierungen seit 2006 (Monteverdis L’Orfeo mit gleichzeitiger Übernahme der Titelpartie in Halle) oder 2002 (so das Krefelder Programmheft) zeigen allerdings, dass er nicht nur mal eben die Fronten wechselt, sondern mit einer sehr eigenen Handschrift diese neue Tätigkeit vielleicht einmal zur einzigen machen wird, ähnlich wie Brigitte Fassbaender.

Auch bei Don Giovanni bestimmen Videos das Visuelle der Aufführung. Van Rensburgs Ausstatter (Dorothee Schumacher, Lutz Kemper), die u.a. schon für seine Monteverdi-Trilogie in Passau verantwortlich zeichneten, stellen vor allem Leinwände zur Verfügung, welche mit entsprechenden Projektionen perspektivisch weit greifende und „stehende“ Raume ermöglichen, aber auch mäandernde Dekorationen wie ein riesiges Treppenhaus zeigen, wenn Donna Anna von Giovannis nächtlichem Eindringen in ihr Schlafgemach berichtet. Eine Autofahrt (Giovanni mit seinen Kumpanen auf der Flucht nach dem Komtur-Mord) war schon im Figaro zu sehen und macht neuerlichen Effekt.

Auf dekorative Weise werden auch Übertitel eingesetzt, und zwar in „Sprechblasenmethode“. Die Texte (köstlich flapsig eingedeutscht) laufen nicht als Spruchband am Zuschauerauge hochoben am Bühnenportal vorbei, sondern sind essentieller Teil des Bühnenbildes. Sie springen mal von oben nach unten, mal von links nach rechts, umkreisen sich und lösen sich auch schon mal in Splittern auf. Manchmal bekommt man nicht alles mit, der Methode wohnt also eine Gefahr von Überfülle inne - aber die Idee bleibt äußerst attraktiv. Ob mit ihr jugendliche Besucher noch stärker für die Oper erwärmt werden? Der Versuch ist es auf alle Fälle wert. Die bisherigen Regiearbeiten von Kobie van Rensburg galten Sujets mit komödiantischem Einschlag. Jetzt wäre natürlich interessant zu testen, ob sich diese Surtitle-Prinzip auch bei Seria-Stoffen und Ähnlichem bewährt. Die Benutzung von Video, wie von Rensburg betrieben, kann aber in jedem Falle als visuelle Bereicherung nur willkommen geheißen werden. Das Krefelder Premierenpublikum reagierte jedenfalls neuerlich enthusiastisch. Mit ähnlich Mitteln verfuhr übrigens vor einem halben Jahr in Dortmund Kay Voges überaus glücklich, als er mit Wagners Tannhäuser sein Operndebüt gab.

Historisches Ambiente gibt es im Krefelder Giovanni natürlich nicht, der Maskenauftritt bei Giovannis Fest ist bestenfalls als „Zitat“ zu sehen. In die meist dunkel gehaltene Bilderwelt der Inszenierung spielt der “Film noir“ der vierziger und fünfziger Jahre hinein, das Handlungsmilieu ist im Amerika der Dreißiger angesiedelt, als „die Wertvorstellungen nach dem Ersten Weltkrieg unter die Lupe genommen wurden“ (Rensburg). Dieser Interpretation muss man nicht unbedingt folgen, und dass der Librettist da Ponte in New York starb, ist wohl kaum mehr als eine biografische Marginalie. Rein optisch macht sich die gewählte Bühnenlandschaft aber ausgesprochen gut.

Wie nun aber steht es mit Mozarts Titelhelden? Wer ist er, welche gesellschaftliche Funktion kommt ihm zu? Die Bildsequenzen zur Ouvertüre zeigen eindeutig: Giovanni gilt bei Frauen als Objekt von allerhöchster Begehrlichkeit, bei Männern als Feindfigur in einem „wohlanständigen“ Lebensentwurf, für den bei Mozart namentlich Don Ottavio steht. Der schlitzohrige Leporello und der tumbe Masetto sind eher neutrale Anpassertypen. Differenzierter verhält es sich bei den Damen. Donna Anna zeigt bei Rensburg im Schlussteil ihrer Szene „Crudel“, dass auch in ihr erotisch Einiges lodert. Zerlina besteht (auf charmante Weise) sowieso nur aus Erotik, Donna Elvira womöglich noch mehr. Rensburg beschneidet die tragischen Dimensionen dieser Figur vielleicht zu sehr, macht aus der emotional brodelnden Lady ein etwas zickiges Weibsbild. Legitimiert wird dies ein wenig dadurch, dass in Krefeld die von Mozart für Wien nachkomponierte Arie „In quali eccessi“ entfällt, wie nota bene auch Ottavios „Dalla sua pace“. Diese (keineswegs zwingende) Entscheidung kompensiert der Regisseur nach der Pause witzig mit einer Szene, in welcher „Django, stummer Diener im Dienste Don Giovannis“, eine Schellackplatte mit eben diesen Titeln abnudelt. Django ist eine nette Hinzuerfindung für’s Personarium, er greift mit seiner Gitarre hier und da in die Rezitativbegleitung ein und klimpert auch die Mandoline beim Ständchen seines Herrn.

Giovanni, um nochmal auf ihn zurückzukommen, bedeutet einen vehementen Stachel im Fleisch einer gutbürgerlichen Gesellschaft, die gelernt hat, Triebhaftigkeit im Zaume zu halten. Entspricht das der Natur des Menschen? Mozarts Oper wirft da einige Fragen auf, Kobie van Rensburg verstärkt sie auf inszenatorisch intelligente Weise. Dennoch lässt er am Schluss Konventionen siegen. Die von Giovanni „Geschädigten“ betrieben eine gemeinsame Vendetta. Masetto wird als Kontur verkleidet (entsprechend verschmelzen sich die Partien auch vokal) und sorgt selbst bei dem coolen Giovanni für Angst und Schrecken. Der Chor tritt hinzu und intoniert (statt des Gesangs der Höllengeister) das „Dies irae“ aus Mozarts Requiem. Ein gewagter, aber legitim wirkender Werkeingriff, dramatisch ungemein suggestiv. Der Dur-Schluss gerät dann freilich zur kaschierenden Tea-Party. Polizisten, welche nach dem Rechten sehen, werden beruhigt und sogar unverhohlen mit Geld bestochen. Kobie van Rensburgs Konzept ist unterhaltsam, gibt aber intellektuell auch nachhaltig zu denken auf. Eine bestechende Mixtur.

Ohne den als Sänger wie als Bühnenerscheinung höchst attraktiven Niederländer Martin-Jan Nijhof würde der Aufführung das Zentrum fehlen. Er ist Don Giovanni. Auch Andrew Nolen wäre in der Titelpartie vorstellbar. Indem er Leporello übernimmt und diesem seine markante Stimme leiht, wirkt die Figur aufgewertet, auch wenn das Servile damit etwas eingeebnet ist. Vokal wirkt die als Donna Elvira engagiert spielende Debra Hays etwas kleinformatig. Dafür ist die gertenschlanke Sophie Witte eine in jeder Hinsicht ausgekochte Zerlina. In Elena Sancho Pereg begegnet einer ebenso lyrischen wie dramatisch vitalen Donna Anna; letzter Belcanto-Schliff wird sich noch einstellen. Mit dem Masetto macht Matthias Wippich gute Figur, als „Komtur“ stößt er sängerisch an Grenzen. Michael Siemon verkörpert den Ottavio mit tenoraler Grandezza. Unbedingt ist noch der vielseitig agierende Andrew Maginley als „Django“ zu erwähnen. Für einen eloquenten Mozart-Klang sorgt mit den Niederrheinischen Sinfonikern der erste Kapellmeister des Hauses, Alexander Steinitz. Nach Wagners Rienzi ist dieser Giovanni ein neuer, bedeutsamer Höhepunkt in der aktuellen Geschichte des Gemeinschaftstheater Krefeld/Mönchengladbach.