Death in Venice im Duesseldorf Oper

Kunst und Liebe

Zum Schluss dann eine wirkliche hohe Hürde für Immo Karaman und Fabian Posca. Sie beenden ihren Britten-Zyklus an der Rheinoper mit Death in Venice, Brittens letzter Oper nach Thomas Manns Tod in Venedig.

Ein Stück, das gerade deshalb so schwer zu inszenieren ist, da es sich auf vielen unterschiedlichen Ebenen abspielt. Da ist neben der realen Handlung, die die Novelle im Großen und Ganzen nacherzählt, der scheinbar unendliche, von Beginn bis zum Ende währende innere Monolog des Protagonisten Gustav von Aschenbach. Und der kreist immer um den Gegensatz zwischen dionysischer Auffassung von Schönheit und apollinischer: Schönheit um ihrer selbst Willen als höchstes Gut. Denn seine Liebe zum Knaben Tadzio erschüttert den Schriftsteller bis ins Mark. Aber natürlich kommt in dieser Selbstreflexion des Aschenbach auch immer wieder seine Schaffenskrise als Schriftsteller zum Tragen, seine Versagensangst und am Ende die Gewissheit: hier ist das Ende erreicht. Die Cholera verhindert den Suizid.

Britten hat den Geist des Mannschen Textes wunderbar für die Opernbühne adaptiert und genauso wunderbar gelingt es Karaman und Posca, die Vielschichtigkeit auf die Bühne des Düsseldorfer Opernhauses zu bringen. Kaspar Zwimpfer entwirft eine Hotelhalle aus dem neunzehnten Jahrhundert, die vor den Zwanziger-Jahre Kostümen Nicola Reicherts schon sehr antquiert, ja morbide daher kommt. Für Aschenbachs monologische Gedankengänge senkt sich sein klaustrophobisch enges Hotelzimmer vom Schnürboden, das die Ausmaße einer Telefonzelle (falls noch jemand weiß, was das ist) hat und ihn absolut isoliert.

Dreh- und Angelpunkt dieser Britten-Inszenierung ist zweifellos die Choreografie. Zu erst ist man irritiert und vielleicht auch ein wenig schockiert darüber, wie Fabian Posca Tadzio und seine Familie agieren lässt. Klar, Britten hat die Darstellung dieser Personengruppe durch Balletttänzer vorgegeben. Aber mit welcher kühlen Präzision, die Eiseskälte, Arroganz ausstrahlt, Posca diese Personengruppe bewegt, das verschlägt fast den Atem, weil sie in so tiefem Gegensatz zu den aufgewühlten Gedankengängen Aschenbachs steht. Da wirkt selbst das Ballspiel Tadzios mit seinem Freund wie aus Marmor gemeißelt. Und dann kommt langsam die Erkenntnis von der gerade durch die Szenen intensiv transportierten unendlichen, traurigen, qualvollen Einsamkeit des Schriftstellers.

Die bringen Karaman und Posca auch in der Darstellung des erst lärmenden, überbordenden, später im feuchten Sumpf der Cholera versinkenden, trauernden Venedigs. Aufgezogen scheinbar wie Offenbachs Puppe Olympia bewegen sich ganze Heerscharen von Personen auf der Bühne, folgen scheinbar vorgezeichneten Pfaden, die aber einen Sinn nicht ergeben. Kommunikation findet nicht wirklich statt. Nur im direkten Kontakt mit Aschenbach gibt es „geschäftsmäßige“ Dialoge mit diversen Straßenhändlern.

Aber auch opulente Szenen weiß Karaman mit ganz persönlicher Handschrift zu präsentieren. Aschenbachs Träume von der Feier der Schönheit mit dem Gott Apoll und die dionysische Orgie kommen als wahre Blickfänge mit langsamen Bewegungen und perfekten Standbildern daher.

Brittens Musik ist irgendwie ganz anders als in seinen anderen Opern. Sehr zurückgenommen, feingewoben. Da gibt es viel Rezitativisches in den gedanklichen Monologen Aschenbachs. Diese Szenen sind aber immer ganz einzigartig, keine wie die andere, spannend, aber genaues Hinhören erfordernd. Erstaunlich immer wieder die starke, für Britten eher ungewöhnliche Präsenz des Schlagwerks. Lukas Beikircher und die Düsseldorfer Symphoniker bieten da ein Meisterstück an Präzision und Durchhörbarkeit.

Auch sängerisch läuft das Ganze einfach perfekt. Christoph Kurigs Chor singt nicht nur mit Hingabe, meistert auch die Herausforderung des choreografierten Bewegens sehr gut. Die kleineren Rollen sind aus dem Ensemble der Rheinoper sehr gut besetzt – aufhorchen lässt wieder einmal Torben Jürgens als Angestellter im Reisebüro und anderen Rollen mit seinem perfekten Bariton.

Peter Savidge ist der Widersacher Gustav von Aschenbachs. Ob einflüsternd als Reisender, geschwätzig als Friseur und lockend als Dionysos – er ist ein wahrer Stachel im Fleisch des Schriftstellers.

Den singt Raymond Very, der schon als großartiger Billy Budd im Düsseldorfer Britten-Zyklus geglänzt hat. Als Aschenbach zieht er alle Register seiner Kunst – und für diese Rolle muss er sie auch ziehen. Denn er allein steht im Mittelpunkt dieser Oper. Und mit seinem ebenso kraftvollen, wie über unendliche Gestaltungsmöglichkeiten verfügenden Tenor zieht er alle in den Bann – von Selbstzweifel und Hoffnungslosigkeit, über tiefempfundene Liebe bis zu ergebener Todesgewissheit. Very kann alles.

Ich habe Death in Venice noch nie auf der Bühne gesehen. Es war für mich ein herausfordernder, anstrengender Opernabend, der unglaublich berührt und zur Reflexion geradezu zwingt.