L'Elisir d'amore im Köln, Oper

Tristan und Isolde, bodenständig

 

Man kann das Saisonende der Kölner Oper nicht eben glücklich bilanzieren. Die drei letzten Produktionen: ein vergagter Freischütz, ein eingekaufter biederer Otello und jetzt ein greller L’Elisir d’amore. Wenn man die Textbeiträge des Programmheftes liest, könnte man erst einmal mutmaßen, die vielen tiefgründelnden Äußerungen über Liebe und Verwandtes aus der Feder eines Barthes, Baudrillard, Fried, Fromm u.a. liefen auf Wagners Tristan hinaus. Nun ja, ein schalkhafter Seitenblick ist bei Gaetano Donizettis durchaus vorhanden. Aber sein Liebestrank ist eine Opera buffa, wobei diese Typisierung freilich nicht den Anspruch verkleinern sollte, dass die geschilderte, langsam wachsende Liebe außer mit Humor auch mit einem gewissen Ernst ins Visier genommen werden sollte.

Bei Nemorino weiß man bezüglich der Gefühle sogleich Bescheid, aber die reiche, verwöhnte Adina ist mit sich nicht im Reinen. Beim Kölner Regisseur Bernd Mottl ist aus der reichen Pächterin die Chefin eines Getränkebetriebs geworden, wo am Fließband Flaschen mit einem vermutlich auf Geheimrezept basierenden alkoholischen Gebräu versandfertig gemacht werden. Marken-Signet ist eine Madonna mit Sternenkranz. Man darf ein wenig gründeln. Dulcamara ist kein zureisender Quacksalber, sondern der Werbesprecher des Instituts. Eine nette, moderne Lesart auf den ersten Blick, bei zugespitzten sozialen Verhältnissen zwischen Adina und Nemorino, dem armen Schlucker aus einer Putzkolonne. Dass nicht alle dramaturgischen Scharniere gänzlich geräuschlos funktionieren, nähme man durchaus in Kauf, könnte man sich in Gänze mit guten Gewissen amüsieren.

Die Kölner sind bekanntermaßen ein lustiger Menschenschlag, das merkt man auch in der Oper. Mottls krachlederne Inszenierung wird von Jauchzerwogen getragen, als sei die WM mit dem Karneval zusammengefallen. Viele Szenen scheinen irgendwelchen TV-Verkaufs-Shows abgeguckt (der Rezensent kennt sich da nicht aus), Auf jeden Fall fühlt man sich mehr bei RTL zuhause als bei arte. Alles ist grell, vordergründig, vor allem jedoch ohne Charme. In einigen Momenten wird ein solcher zwar erahnbar. Allein, was ist das für einen langen Abend, bei dem das Gürzenich-Orchester unter Andreas Schüller auch nicht gerade mit brillanter Musiksprache glänzt.

Mottl hat u.a. mit einer Csárdásfürstin (noch im früheren Palladium) gezeigt, dass Deftigkeit und Delikatesse durchaus miteinander vereinbar sind. Beim Liebestrank wird einem gute Laune jedoch geradezu exhibitionistisch um die Ohren geschlagen. Zu einem „Höhepunkt“ gerät die Szene, in welcher eine reiche Erbschaft Nemorinos ruchbar wird. Der entsprechende Nachrichtenzettel wandert von Frauentoilette zu Frauentoilette, es folgt eine wilde Schlacht mit Klobürsten. Die Kölner Karnevalisten toben. Wäre nicht die liebenswürdige Schlussszene zwischen Adina und Nemorino (auch vorher gibt es zugegebenermaßen einige erfreuliche Momente), der Abend würde desaströs zuende gehen. Aber Anna Palimina lässt ihren kristallklaren Sopran noch einmal so richtig funkeln, und Jeongki Cho bleibt auf der herrlichen Belcantohöhe, welche er kurz zuvor mit „Una furtiva lagrima“ bewiesen hat.

Der koreanische Tenor, charmant auch als Darsteller, hat das Kölner Opernstudio durchlaufen und schon in dieser Zeit einmal Rossinis Almaviva zugewiesen bekommen. Mittlerweile wurde er ins offizielle Ensemble aufgenommen, sein jetziger Nemorino gleicht einem Ritterschlag. Bei Christopher Bolduc ist ein ähnlicher Aufstieg sicher nur eine Frage der Zeit. An Fülle könnte seine Stimme zwar noch zulegen, aber ein Kavaliersbariton von hoher Güte ist er schon jetzt. Und seine körperliche Attraktivität kommt beim Belcore bestens zur Geltung. Carlo Lepores fülliger, aber beweglicher Dulcamara-Bass ergänzt das exquisite Ensemble. Die im Ganzen recht witzige Ausstattung hat Friedrich Eggert ersonnen.

Den Nemorino hätte eigentlich der tenorale Aufsteiger Javier Camarena verkörpern sollen (das Programmheft zeigt ihn mit Probenfotos), doch erkrankte er kurz vor der Premiere, Jeongki Cho fallen nun weitere Aufführungen zu. Für zwei Abende konnte der junge Brasilianer Attala Ayan gewonnen werden.