Sänger ohne Schatten im Maschinenhalle Gladbeck-Zweckel

Intimgesang

Ein weiterer ungewöhnlicher Abend aus dem fröhlichen Avantgarde-Labor, in das Heiner Goebbels während seiner 2014 endenden Intendanz die Ruhrtriennale verwandelt hat. Zugänglich und unprätentiös; ohne Drama und doch voller Dramen; wieder eine Suche, eine Recherche, die sich überraschend durch sich selbst rechtfertigt.

Es beginnt mit einer Enttäuschung. In die Gladbecker Maschinenhalle Zweckel, der Ruhrtriennale gewaltigste und skurrilste Location, hat David Hohmann eine Black Box hineingebaut, eine nach allen Seiten geschlossene Studiobühne. Muss man dafür nach Gladbeck reisen, denkt man zaghaft. Um drei Sänger geht es, die erfolgreich sind und/oder waren und sich lustvoll auf die Aufgabe eingelassen haben, die der im Dokumentartheater beheimatete Regisseur Boris Nikitin ihnen gestellt hat. Darüber hinaus haben sie kaum Gemeinsamkeiten. Und genau mit diesem Pfund des unterschiedlichen Herkommens, der unterschiedlichen Sichtweise wuchert Sänger ohne Schatten.

Da ist Karan Armstrong, international führende Sängerin von den späten 70ern an, mit einer großen Karriere zwischen New York und Helsinki mit Zentrum in Berlin, an der Deutschen Oper. Gefeierte Salome, Isolde, Marschallin. Christoph Homberger ist Tenor, hat von Anfang an alle Höhen und Tiefen des Berufes durchgemacht, sich in den letzten Jahren fast ausschließlich experimentellen Projekten verschrieben, gerne mit Christoph Marthaler und wird nach Sänger ohne Schatten ein Restaurant aufmachen – und wohl nicht mehr singen. Yosemeh Adjei schließlich ist Countertenor, Ghanaer und in Nürnberg aufgewachsen. Wenn er spricht, hört man bayrische Herkunft. Seit fünf Jahren gehört er zu den gut beschäftigten Kräften des Stadttheatersystems.

Diese drei ungewöhnlichen Sänger und Menschen sind beieinander, fast zwei Stunden lang, fragend, suchend. Warum singt man? Was ist eine Rolle? Was macht die mit einem? Kann das auch gefährlich sein? Die drei zeigen im Miteinander die Fremdartigkeit des Kunstgesangs, seine erschütternde Nähe zum Lächerlichen, seinen direkten Weg. Und sie singen, a capella oder begleitet vom stoischen Stefan Wirth. Es beginnt seltsam falsch, wie mit einer Doppel-Apotheose. Homberger zeigt einen klitzekleinen Ausschnitt aus Fidelio mit mehr Ausdruckskraft, als oft eine komplette Opernaufführung entwickelt, dann, nach einem Moderationsauftakt, wird gemeinsam terzettiert, von der Matthäuspassion über Tosca bis zu „Lippen schweigen“. Was kann danach noch kommen? Aber es kommt was. Biographien, Identitäten, Lebenskraft, der Spalt zwischen Kunst und Leben. Wenn Frau Armstrong spricht, versammelt und natürlich, geschmackvoll und oft fesselnd, bleibt es doch Bühne, bleibt ein Rest Talk-Show-Feeling, sensationelle Redundanz. Aber wenn sie singt, ganz intim im kleinen Raum, Isolde, Marie, Marschallin, nur für uns, schenkt sie uns etwas, in anderer Form, scheinbar viel persönlicher als in einer Opernaufführung.

Und es ist spannend, die Unterschiede zu sehen und zu hören. Adjei geht alles mit positiver Energie an, holt seine Rollen daher, bietet Überschwang, Charme, Musikalität. Bei Homberger reißt jeder, auch der wichtigste Ton Krater auf, geht es in jedem Moment um alles, selbst, wenn er gleichzeitig Spaghetti ist. Und Armstrong zieht sich ganz in sich zurück beim Singen, ist gar nicht da, baut Gedanken und kriecht hindurch, zeigt, lehrt, berührt.

Da macht es wenig, dass an diesem Abend fast alles seltsam unfertig, manchmal sogar etwas kraftlos wirkt. Vielleicht kann ein derartiges Rechercheprojekt auch gar nicht fertig werden.

Und eine halbe Stunde vor Schluss fährt – danke! – die Black Box nach oben und wir sehen die Halle Zweckel um uns und die beiden Männer singen ein Lied von Szymanowski viermal von vier verschiedenen Plätzen im Raum – und die Unterschiede sind riesengroß.