Der Rosenkavalier im Theater Krefeld

Strauss’sches Terzen-Narkotikum

Wenn im Vorspiel Violinen und Hörner in Terzenseligkeit nahezu verglühen, betritt eine nicht näher identifizierbare Person die rechte Seitenbühne und wirft einen Schatten auf die getäfelte Rückwand von Frank Fellmanns Ausstattung. Dieser Moment besitzt ein Art Mahncharakter für die Fürstin, die sich - leichter Sinn hin, leichter Sinn her - an einem Punkte ihres Lebens befindet, welcher Endzeitgedanken aufkommen lässt. Die Marschallin ist von jeher eine kluge, gefühlvolle, aber unsentimentale Frau, welche die Dinge des Seins immer auch nüchtern betrachtet. Gegen Schmerzen der Seele ist sie deswegen aber nicht gefeit, der Gedanke an die vergehende Zeit greift ihr oft genug ans Herz. „Manchmal steh‘ ich auf, mitten in der Nacht, und lass‘ die Uhren alle steh‘n.“ In die Bühnenrückwand einmontiert ist ein Emblem mit einer Figurengruppe à trois, ein Spazierstock wird zum Perpendikel, der äußere Rand zeigt die Stundeziffern einer Uhr. Ein schönes, sinnfälliges Bildsymbol.

Die äußere Erscheinung von Marschallin und Octavian addiert sich in Krefeld - stärker als bislang anderswo erlebt - der szenischen Deutung hinzu. Eva Maria Günschmann gibt einen hochgewachsenen, schlanken Jüngling, impulsiv, voll drängender Gefühle und singt mit einer wunderbar ausgeglichenen Stimme voller Leuchtkraft. Nach ihrem Adriano eine neue  Figur voll feurigen Lebens. Die Marschallin von Lydia Easley (exzellente Diktion trotz minimaler Amerikanismen hier und da) wartet mit höhensicherem, lyrisch-schlankem Gesang auf, dem es zur rechten Zeit („wenn eine Sach‘ ein End‘ hat“) an markantem Nachdruck nicht fehlt. Durch ihre leicht junonische Figur wirkt die Sängerin etwas reifer als üblich, ihre Liaison mit Octavian hat solcherart  etwas von einer Mutter-Sohn-Beziehung. Dennoch versteht es die Sängerin, Charme und Liebesfähigkeit der Figur ohne falsche Gestik über die Rampe zu bringen. Dass ihr die Regisseurin Mascha Pörzgen im 3. Akt nur einen konventionellen Abgang zugesteht (ohne beispielsweise nochmal auf den Schatten zu Beginn anzuspielen), empfindet man freilich als kleines Defizit. Die Schlusssequenz mit ihrem „Geht ruhig heim, das Spiel ist aus“-Gestus, nimmt man als Zuschauer durchaus an, sinniert aber sofort über eine überzeugendere Lösung.

Insgesamt hat das szenische Konzept Mascha Pörzgens aber viel für sich. Die Regisseurin unterlässt es, die mit drastischem Humor, manchmal sogar Klamauk nicht sparende, im Kern aber wehmütige Handlung in irgendein modernistisches Ambiente zu zwingen, Die Kostüme siedeln sie in die Nähe der Entstehungszeit der Oper an. Das Zeremoniell der Rosenüberreichung, früher oft mit leerem Pomp auf die Bühne gebracht, wirkt in Krefeld wie ein Bilderbuchzitat. Auf einem mit Knospen bedeckten, geschrägten Spielpodest wird Octavian auf die Szene geschoben, nachdem die Wände des etwas engen Faninal-Palais‘ mit ihren protzig goldenen Gravuren über die Erhebung des Hausbesitzers in den Adelsstand auseinander gefahren sind. Im ersten Akt genügt ein von links unten nach rechts oben hereingezogener Raumprospekt, um die Szene vom Marschallin-Boudoir in das Empfangszimmer zu verwandeln. Die etwas skurrilen Lever-Besucher werden per Bühnenhydraulik herein gehievt, erwachen aus ihrer Spielzeugstarre zum Leben. Der „Sänger“ (Kairschan Scholdybajew mit imposantem Tenorschmelz) mutiert sogar zu einer Aufziehpuppe à la Olympia.

Das Finalbild wirkt wie ein Sammelsurium ausgelagerter Dekorationsteile. Zuletzt verschwinden die Kulissen, das Anfangsbild schiebt sich wieder herein. Und da hätte, wie gesagt, inszenatorisch stärker ergänzt werden dürfen. Dennoch ist die Aufführung reich an Menschenbeobachtung, bietet angemessene Situationsstimmungen. Dafür sorgt nicht wenig auch die Konturierung des Ochs, in Gestalt von Matthias Wippich ein Schwerenöter im besten Mannesalter, unsympathisch, aber nicht wirklich widerwärtig In dieser Figur hat der spiellaunige und sprach-idiomatische Sänger fraglos seine bislang beste Rolle am Haus gefunden. Wie das arme Hascherl Sophie heißt auch die Sängerin dieser Partie mit Vornamen so (weiter: Witte), tapfer und tonschön eine Erkältung überspielend. Hans Christoph Begemann ist ein rechter Gockel von Faninal, Debra Hays, Ensemblemitglied seit über zwei Jahrzehnten, als köstliche Leitmetzerin mal wieder eine vollgriffig umrissene Figur. Positiv zu ergänzen sind Janet Bartolova (Annina) und Markus Heinrich (Valzacchi). Auch in Kleinpartien (z.T. aus dem Chor besetzt) gibt es gute Stimmen zu hören.

Last not least haben die Niederrheinischen Sinfoniker einen an Höhepunkten reichen Abend. Es wird blitzsauber und mit seidigem Ton gespielt, der Klangkörper wird unter dem estnischen GMD Mihkel Kütson zu einem echten musikalischen Sprachrohr. Der Beifall des Premierenpublikums geriet enorm enthusiastisch.