So viel Zeit im Oberhausen, Theater

Kultverdächtig

Am Theater Oberhausen hatte am (vergangenen) Samstag Frank Goosens Kultroman So viel Zeit als Musiktheater eine überaus glaubwürdige und für Rockfans reichlich Ohrenschmaus verursachende Uraufführung. Im vollbesetzten Haus fühlte man sich als Zuschauer mit geschlossenen Augen mehr als einmal zurück versetzt in die grandiosen Konzert-Zeiten von Led Zeppelin, Deep Purple, AC/DC oder Metallica.

Am Ende von reichlich lauten aber zwischendurch auch zärtlich leisen 150 Minuten gab es Standing Ovations für die Regie von Intendant Peter Carp, einem überzeugend-tollen Schauspiel-Ensemble und der hauseigenen Rockband „Mountain of Thunder“, die ihr Bestes gab mit Jürgen Sarkiss als Sänger und Schauspieler Ole, ohne den die Truppe aus Männern um die Ende 40 es vermutlich nicht zu ihrem Lebenstraum geschafft hätte, als Rockband erfolgreich auf der Bühne zu stehen.

Die Story ist schnell erzählt. Vier Männer mit ordentlichen Berufen (Gymnasiallehrer, Steuerberater und Arzt) sowie ihr etwas jüngerer schriftstellernder Kumpel beschließen nach einem feuchtfröhlichen Doppelkopfabend in ihrer Heimatstadt Bochum, diese Lebenstraum-Band zu gründen. Bis dahin haben sie bei ihren wöchentlichen Treffen immer nur die Vergangenheit herauf beschworen. „Die Erinnerungen sind alle so alt, wir müssten hinausgehen und noch mal neue Erinnerungen schaffen, bevor es zu spät ist“, meint der Biologie- und Religionslehrer Konni (Klaus Zwick), der ein legendäres Langzeitgedächtnis für alle die Ereignisse hat, die bis zum Abitur vor 30 Jahren stattgefunden hatten.

Das Quartett ist sich dann allerdings schnell einig, dass es ohne den obercoolen Ole nicht geht. Der aber hat sich nach einem verhängnisvollen Verkehrsunfall am Abend der Abitur-Fete nach Berlin abgesetzt und schwebt im Alternativ-Milieu. Schnell ist Ole allerdings mit von der Partie. Ein notwendiger Technik-Freak ist mit Stoney (wunderbar einsilbig: Martin Müller-Reisinger) mit an Bord und die Truppe hat tatsächlich Erfolg. Dafür läuft es bei Steuerberater Rainer (Henry Meyer) mit seiner ewig eifersüchtigen Frau so gut wie gar nicht mehr und auch die Freundin vom porno-schriftstellernden Thomas (Peter Waros) klinkt sich ob der Musikkarriere vorübergehend aus.

Konni ist schon solo, gewinnt aber die rothaarige und extrem leidenschaftliche Lehrerkollegin Ulla Gregorius (mehr als schnuckelig: Susanne Burkhard) für sich und lernt durch Musik und Liebe, dass er sich nicht mehr länger als Looser fühlen muss. Der Mediziner Bulle (Torsten Bauer), der auch vier Jahre nach dem Tod seiner Ehefrau immer noch mit ihrem Foto an der Wand spricht, braucht etwas länger, um endlich mit der attraktiven Angelika (Angela Falkenhan) mal wieder Sex und Gefühle zu erleben. Aber dann klappt es auch bei den beiden.

Musik, so weiß der wegen einer möglichen Darmkrebs-Diagnose zusätzlich verunsicherte Rainer, kann „vielleicht nicht retten, aber möglicherweise zumindest trösten“. Auf diesen gemeinsamen Nenner verständigen sich die fünf Freizeit- und Wochenend-Musiker schließlich. Von Auftritt zu Auftritt steigern sie sich, werden auch mal zurück geworfen, weil sie „schon vor dem Konzert glaubten, alles im Sack zu haben“, wie Ole anmerkt. Den Höhepunkt der Band-Karriere macht schließlich das Abi-Treffen 30 Jahre nach der Zeugnisausgabe aus.

„Wake up“ heißt es in großen Neon-flackernden-Leuchtbuchstaben auf der Bühne der Band. Und wenn dann „Higway-to-hell“ ins Publikum dröhnt, „Child in Time“ intoniert wird oder als Zugabe an die Abitur-Freunde und natürlich das Oberhausener Theaterpublikum „Boys are back in town“ kommt, dann fühlen sich die Jungs und Mädels auf der Bühne trotz all ihrer inzwischen erfahrenen Lebens-Narben zurück versetzt in die grandiose Zeit der Hardrock-Musik der 1980er Jahre. Und bei nicht wenigen der männlichen Zuschauer, von denen einige die Midlife-Crisis ebenfalls spüren, kommt der Gedanke auf, es vielleicht auch selbst einmal mit einer Bandgründung zu versuchen. Muss ja nicht zwangsläufig Hardrock sein.

Wie gesagt: Langanhaltender Applaus, Bravo-Rufe, Standing Ovations und einen herzlichen Glückwunsch zu einem sicherlich kultverdächtigen Auftakt in die Oberhausener Theaterspielzeit 2014/2015.