Otello im Detmold, Landestheater

Viele schöne Ideen

Es ist Susanne Serflings Desdemona vorbehalten, den Höhepunkt dieses Otello zu markieren. Ihr „Lied von der Weide“ und das anschließende „Ave Maria“ sind von einer Intensität, die den Atem stocken lässt. Voller Todesgewissheit hat sie abgeschlossen mit dem Leben und erwartet ruhig ihren Mörder: ihren Mann. Und so sicher ist sie sich des Endes ihrer großen Liebe, dass sie sich nach Otellos fehlgeschlagenem Erstickungsversuch selbst ersticht. Das ist ein ganz großartiger Coup des Regisseurs Kay Metzger.

Leider ist es auch der einzige. Denn weitgehend kommt die Inszenierung mit einer Aneinanderreihung von Anspielungen daher. Petra Mollérus lässt im Hintergrund ständig eine stürmische See stehen und baut auf die Bühne eine felsige Kommandobrücke für Jagos Intrigen - ähnlich einer Aussichtsplattform bei den Externsteinen.

Der Chor stellt beim Seesturm so etwas wie eine Touristengruppe dar, die Cola trinkt und Popcorn verspeist, dann aber fromm für die Rettung Otellos betet. Der Gesandte aus Venedig ist ein Londoner Broker – wohl Symbol dafür, dass Geld unbarmherzig über allem Menschlichen steht. Und es gibt hübsche Ideen. Da ist zum Beispiel Rodrigo, der unsterblich in Desdemona verliebt ist. Bei Metzger ist er ein Pennäler, der ständig mit einem Blumenstrauß irgendwo steht und auf seine Chance wartet.

Die Inszenierung liefert ein Konglomerat aus vielen Ideen und Ansätzen, die sich zu einem Großen und Ganzen jedoch nicht fügen wollen. Warum vollendet Otello seine Rache an Desdemona in afrikanischer Tracht? Das ist nur eine Frage von vielen, die am Ende Ratlosigkeit aufkommen lassen.

Musikalisch sieht es gut aus in Detmold. Neben Susanne Serflings phänomenaler Desdemona lässt vor allem Ewandro Stenzowski als Cassio aufhorchen. Sein klarer, heller, fließender Tenor lässt das Bild eines etwas leichtsinnigen, aber gutherzigen Soldaten entstehen. Markus Gruber beglaubigt den Rodrigo als heillos in seine Liebe verstrickten Abiturienten. Michael Zehe und Insu Hwang singen ihre Rollen angemessen kernig und Gritt Gnaucks Emilia lässt ihren wunderbar warmen Alt gerade im vierten Akt vor Mitleid anrührend strömen.

Eigentlich ist der Jago ganz perfekt bei Andreas Jörens nuancenreichem Bariton aufgehoben. Allerdings bleibt er noch ein wenig verhalten – es fehlen noch die kontrollierten Ausbrüche, die seine schwarze Seele ein Stück mehr offenbaren würden. Ausbrüche kann Heiko Börner: Sein Rollendebüt als Otello wirkt gerade in Passagen als gebieterischer Feldherr und als Macho unheimlich authentisch. Was ihm noch fehlt, ist das Gespür für Zwischentöne, die auch die Zerrissenheit Otellos offenbaren würden.

Dramatik liefert auch Lutz Rademacher mit dem Symphonischen Orchester des Landestheaters. Es schäumt, wo es schäumen soll, es breitet einen Samtteppich dort aus, wo es um zarte, intime Gefühle geht. Ein paar Blessuren der Streicher (vor allem dort, wo sie geteilt spielen) sind schnell vergessen. Die szenische Harmlosigkeit kann das Orchester allerdings nicht wett machen.