Idomeneo, Rè di Creta im Essen, Aalto-Theater

Der Hass wird besiegt

Das Volk kämpft und stirbt; das ausgehungerte Volk feiert erneut; das Volk sieht ohnmächtig den Götterspielen um den bestraften Kreter-König Idomeneo zu – und jubelt, als er begnadigt wird und ein neues Paar den Thron nach dem „Kampf um Troja“ besteigt. Ein grausamer, erschütternder Rhythmus für die Untertanen, die sich bei jedem Wechsel eine Besserung ihrer Lebensumstände erhoffen – Tod und Jubel liegen als Gott-Mensch-Bindung sehr eng beieinander. Sie sind in ihren gesellschaftlichen Mustern Geschwister.

Das ist, stark verkürzt, die Geschichte um Idomeneo, dem Wolfgang Amadeus Mozart eine seiner frühen Opern widmete. Er weist als 25-Jähriger gerade dem Volk (dem Chor) eine entscheidende Rolle in dieser Seria über die „Humanisierung des antiken Mythos“ zu. Denn die 1781 uraufgeführte Oper, jetzt von Francisco Negrin für die Essener Aalto-Oper inszeniert, endet glücklich (mit einigem individuellem Schatten). Idomeneo muss nicht sühnen und den Göttern ein Menschenopfer (seinen Sohn Idamante!) bringen, sondern durch den Verzicht auf die Regentschaft stimmt er „die da oben“ im Olymp gnädig.

Was Mozarts Qualität in dieser Gluck-verwandten Oper ausmacht, sind weniger die Handlungsstränge, die das Libretto von Giambattista Varesco ihm abverlangt, sondern die musikalische Ausdeutung der Charaktere: Idomeneo gehört nach wie vor zu den stärksten Werken der Trauer und des Schmerzes, des Hasses und der Liebe. Wie der junge Salzburger arios mit den Solisten und feinfühlig mit dem Chor (der Leidenden, der Opfer, der Kriegsverletzten usw.) und vor allem mittelbar mit dem Gefühlschaos für das Orchester umgeht, hebt diesen Idomeneo weit heraus aus dem damaligen Mittelmaß. Und es spielt (heute!) keine Rolle mehr, ob vor allem italienische, französische oder deutsche Elemente das Stück vorantreiben.

Es sind vor allem die Vater-Sohn-Bezüge, die nach wie vor unter die Haut gehen: Der König, der dem Sturm trotzt, verspricht aus Dankbarkeit Neptun ein Menschenopfer. Es gilt dem ersten, dem er an Land begegnet – es ist sein Sohn Idamante! Der wiederum kann die Verzweiflung und die Distanz seines wieder gewonnenen Vaters nicht verstehen. Erst als er die Hintergründe kennt, kann er den grausamen Zwiespalt von Idomeneo verstehen. Bei Mozart/Varesco geht allerdings die Handlung gut aus: Wenn der König zurücktritt und stattdessen die Regentschaft an Idamante (und Ilia) abgibt, muss er kein blutiges Ritual verrichten. Das befreite Volk, siehe oben, jubelt.

Auf sturmdurchtoster Bühne (auch eine Ruine menschlicher Hoffnungen), die Tobias Hoheisel mit viel Lichteffekten ausstattet, vollzieht sich in Essen das Wunder des Gesanges. Negrins Regie beschränkt sich auf den forcierten Zusammenprall der Ideenträger. Sie begnügt sich bei fließendem Ineinandergreifen der Akte  mit der Rolle des Beobachters: Wie reagieren die Charaktere auf Götterurteil und Tod, auf Verzeihen und den Triumph der Liebe? Ganz groß und ideal besetzt sind in dieser gefeierten Produktion Idomeneo (Eric Cutler), Michaela Selinger (Idamante), Julia Kleiter (Ilia) und Simona Saturova (Elektra, eigentlich die Verliererin diesers „dramma per musica“, weil der von ihr geliebte Idamante sich für Ilia entscheidet und sie deshalb ihre Heimat verlässt). Koloratur und Appoggiaturen, Affettuoso und Inbrunst wirken in keinem Moment aufgesetzt oder oberflächlich und künstlich, sondern Mozart vereint mit diesen „technischen“ und stilistischen Mitteln die inneren Werte der Beinahe-Tragödie. Cutlers heldischer Tenor, Selingers warmherzige Lyrik, Kleiters sängerisch umgrenzte Demut und die Verzweiflungstöne der Saturova – Weltklasse! Besser und hingebungsvoller kann man Mozart-Partien nicht „artikulieren“. Die kleineren Partien sind zumindest ebenfalls adäquat besetzt.

Am Pult der mit Mozarts Orchestralgewalt bestens bekannten Essener Philharmoniker bestimmt GMD Tomáš Netopil Rhythmus und Farbe, Emotion und Substanz der Mozartschen Vorgaben. Der Abend ist sein Triumph! Netopil fegt mit einer Selbstverständlichkeit alle Vorbehalte gegenüber der klassischen „Langeweile“ bei der „opera seria“ mit ihren Regeln und mit ihrer Wiederholungs-Statuarik hinweg. Mozart „at ist best“. Und er lässt die Sängerinnen und Sänger auf dem orchestralen Teppich atmen. Die Musik der Solisten und des Chores wirkt bei diesem Mozart-Versteher wie das ewige Opern-Versprechen: Was das Wort nicht (mehr) ausdrücken kann, schafft erst die Musik…