Die Zauberflöte im Köln, Oper

Sarastro wird sehend

Mit Mozarts Zauberflöte läuft es nicht so gut in Köln. Die letzte Inszenierung (René Zisterer) liegt gerade mal 4 Jahre zurück und wurde -eigentlich ein netter Einfall - in der Aula der Universität gespielt. Sie diente ja bis 1957 zur Eröffnung des von Wilhelm Riphahn entworfenen neuen Opernhauses am Offenbach-Platz (welches sich gerade im letzten Jahr seiner aktuellen Sanierung befindet) als ständiges Ausweichquartier und hätte noch einmal fantasiereich genutzt werden können. Aber die Sache lief schief, und so wollte man für das so beliebte Werk die Scharte vermutlich möglichst bald ausgemerzt wissen. Das ist leider nicht gelungen, um es ohne Umschweife zu sagen.

Sogar im musikalischen Bereich gibt es einige Defizite, wo man sie eigentlich nicht erwartet hätte. Will Humburg, immer Garant für heißblütige Italianità, widmet sich nun vor Ort erstmals Mozart. Auch bei der Zauberflöte sind seine kapellmeisterlichen Qualitäten evident. Doch neigt er zu „bedeutungsvollen“ Tempomodifikationen wie etwa in der letzten Strophe von Papagenos „Ein Mädchen oder Weibchen“. Auch halten gelegentliche Rubati den Fluss der Musik auf und plustern sich zu Ausrufezeichen auf. In den vielen Jahren ihrer Zugehörigkeit zum Kölner Opernensemble hat sich Claudia Rohrbach von einer Soubrette zur lyrischen Sopranistin gewandelt. Über die Pamina ist sie (zumal nach Agathe)n inzwischen aber hinaus, bei allen immer noch vorhandenen Vokalreizen. Aber sie steht so oder so felsenfest in der Gunst der Kölner Opernfreunde.

Mit Wolfgang Schwaiger ist hingegen ein Papageno zur Stelle, wie er liebenswerter nicht sein kann. Der junge Bariton aus Tirol, der sich mit Aufführungen auf Schloss Schönbrunn offenkundig in die Herzen des Wiener Publikums singen konnte, macht Eindruck auch in Köln, wo er im Opernstudio engagiert ist, in kleineren Partien aber auch auf der „großen“ Bühne steht. Den Papageno traute ihm das Haus zu, rechtens. Schwaiger, ein langer Schlacks, singt die Partie (Rollendebüt) mit sanft-burschikoser Geradheit und spielt den Vogelmenschen, welcher er in der Inszenierung von Mariame Clément allerdings nicht ist, quirlig und charmant.

Jaja, die Inszenierung, bereits zu sehen in Strasbourg und Nice. Da kommt am Schluss der Ouvertüre ein Flugzeug auf die Zuschauer zugerast. Das Video stammt von fettFilm. Momme Hinrichs und Torge Moller haben sich mit ihren Lebendbildern kürzlich auch in Bonn vorgestellt und bei dieser Gelegenheit (Verdis Giovanna d’Arco) auch gleich die komplette Inszenierung übernommen, allerdings nicht sonderlich ertragreich (Will Humburg war auch hier der Dirigent).

Wenn der Vorhang in Köln aufgeht, sieht man das Flugzeug abgestürzt in einer Graslandschaft (echt, kein Video), Papageno hatte offenbar Pilotenpech. Immerhin überlebte er und trifft nun auf Tamino, der auf welchem Wege auch immer in diese idyllische Wüstenei gelangt ist. Über die Stimmigkeit von Lokalitäten (Ausstattung: Julia Hansen) sollte man aber nicht allzu intensiv nachdenken. Jedenfalls sind am Schluss des 1. Aktes in dieser Graslandschaft auf einmal lauter sehr zivil gekleidete Herren zur Stelle, unter ihnen der blinde (!) Sarastro, ständig auf seinen „Sprecher“ gestützt. Die feinen Herren haben sich in der Abgeschiedenheit eine Art Laboratorium aufgebaut, wo man hinter Scheiben freilich nur Pflanzen sieht. Wird hier etwa gentechnisch geforscht? Nein, denn zu Beginn des 2. Aktes ist eine Pressekonferenz zu Gange, wo Sarastro - unterstützt von Dolmetschern - seine humanistischen Ideale erläutert. Zuvor hat ein weibliches Putzkommando den Saal angemessen gewienert.

Es ließe sich endlos erzählen, was Clément zur Zauberflöte noch so alles eingefallen ist (etwa ein zweimaliger Suizidversuch Sarastros), doch das wäre verlorene Liebesmüh. Denn die Inszenierung leistet keinen wirklichen essenziellen Beitrag über das Männerbündische im klösterlichem Domizil Sarastros, auch nichts über seinen Grundkonflikt mit der Königin der Nacht. Bei der Feuer- und Wasserprobe werden filmisch allerlei Unglücksgeschehnisse gezeigt. Will die Inszenierung auf einmal weltkritisch sein? Die Schlussszene löst sich in Wohlgefallen auf. Sarastro (nunmehr sehend) nimmt sich die Queen zu Brust und Mund, küsst sie lange und intensiv. Alle Probleme gelöst. Im Hintergrund segelt der blaue Planet über die Leinwand: Weltfrieden. Vielleicht sollte man Frau Merkel und Herrn Putin einen Besuch dieser Zauberflöte und gleichfalls einen „Kuss der ganzen Welt“ verordnen.

Gerne sei dieser zugegeben etwas unwirsche Bericht mit Hinweisen auf schöne Sängerleistungen abgeschlossen. Mirko Roschkowskis Tamino-Tenor besitzt eine ideale Timbremischung aus Lyrik und Spinto-Metall. Der Finne Mika Kares begeistert als Sarastro mit wohllautendem, fülligem Bass, die Koloraturen und Staccati von Anna Siminskas Königin der Nacht funkeln mit eisiger Präzision. Sehr gut die beiden Trios (Damen: Yitian Luan, Marta Wryk, Katrin Wundsam, Knaben von der Chorakademie Dortmund), rollenprägend Oliver Zwarg (Sprecher), Ralf Rachbauer (Monostatos), John Heuzenroeder und Luke Stoker (Priester, Geharnischte).