Salome im Detmold, Landestheater

Wenn Opfer zu Tätern werden

Salome überspannt den Bogen. Gerade hat sie ihre Wirkung auf Männer entdeckt und auch wie man sie manipulieren kann. Das bekommt der arme Hauptmann Narraboth zu spüren. Seine Hingabe und Verliebtheit in die Prinzessin endet tödlich. Und dann ist da dieser geheimnisvolle Prophet. Der sieht einfach unheimlich gut aus und zieht Salome stark an. Doch da sind dann auch schon wieder Grenzen. Dieser Mann nämlich will nichts von ihr. Das ist etwas, was Salome nicht verwinden kann. Impulsiv wie sie ist, will sie nur Rache. Da kommt der Stiefvater gerade recht. Denn Herodes ist schlicht geil auf junges Fleisch, was Salome nutzen will, um sich an Jochanaan zu rächen. Sie versucht, Herodes willenlos zu machen. Der Schuss geht allerdings nach hinten los. Beim erotischen Schleiertanz träumt sie sich den Propheten herbei, um den lüsternen Herodes ertragen zu können und verliert doch die Kontrolle. Herodes vergewaltigt sie!

Für Kay Metzger ist Salome weder eiskalter Vamp noch durch eine dekadente Hofgesellschaft früh geschädigte Kindfrau. Für ihn ist sie erst einmal ein durchaus aufmüpfiges Mädchen, das seine erwachende Sexualität ausprobieren will und daran scheitert. Denn ihr soziales Umfeld, geprägt von Ausschweifung und Überfluss, muss ihre Signale falsch deuten. Petra Mollérus baut ihm dazu die passende Bühne – eine cool-kühle Lounge ganz in Mintgrün und Schwarz gehalten. Dort tummelt sich der männliche Hofstaat, der natürlich ständig telefoniert und die neuesten Ereignisse mit dem Smartphone filmt und sicher sofort bei youtube einstellt.

Die Deutung gelingt bis auf wenige Schwachstellen. So wird die Herodias von der Regie sehr stiefmütterlich behandelt, bleibt seltsam blass und wirkt eher wie ein Ausstellungsstück. Ihre Rolle in dem sich entwickelnden Drama wird nicht weiter beleuchtet.

Das ändert aber nichts an dem großartigen Abend, den das Landestheater Detmold seinem Publikum präsentiert. Musikalisch ist da nichts als Freude. Alle kleinen Rollen sind super besetzt. Da bleiben gar keine Wünsche offen. Hervorzuheben sind die Mitglieder des Opernstudios, Beoung Kyu Jeon und Insu Hwang, die mit klarer Diktion und runden Stimmen glänzen können. An Gritt Gnaucks präziser Rollengestaltung liegt es sicher nicht, dass die Herodias eher eine Randgestalt bleibt. Ewandro Stenzowski schmachtet als Narraboth ganz herrlich nach Salome und James Tolksdorf ist ein herrlich männlich-machohafter Jochanaan,. Beseelt von seiner Mission, ist er mal hart, mal balsamisch weich – ein Typ, in den man sich verlieben, an dem man aber auch verzweifeln kann. Roberto Gionfriddo ist erkrankt und so rettet Paul McNamara als Einspringer die Premiere. Und das ganz eindrücklich. Sein Herodes ist so fies, so schleimig und so arm dran. All’ das kann er in seine Stimme legen. Toll! Und Salome? Susanne Serfling gelingt ein berührendes Rollenportrait. Sie glänzt vor allem in den leisen Passagen, kann so die Zerrissenheit der Figur berührend entfalten.

Die Musik spielt allerdings vor allem im Graben. Das Symphonische Orchester unter Lutz Rademacher beansprucht die Hauptrolle klar für sich. Was da an differenzierter, subtiler Klanggestaltung zu vernehmen ist, evoziert einen Gänsehautschauer nach dem anderen.

Am Schluss stirbt nicht etwa Salome. Sie entledigt sich stattdessen ihrer „Feinde“ durch wildes Pistolengeballere. Etwas plump zwar, aber Männer sind eben Schweine. An dieser Einsicht hat auch das Publikum keinen Zweifel und feiert eine absolut gelungene Salome.