Vanessa im Theater Hagen

Liebe lügt

Und weiter geht es am Theater Hagen und dessen „Liebesgeschichte“ mit der amerikanischen Oper. Da haben die Hagener Theatermacher sich in den letzten Jahren ein bemerkenswertes Alleinstellungsmerkmal geschaffen, mit dem sie immer wieder Ausrufezeichen zu setzen vermögen. Dieses Mal mit Vanessa von Samuel Barber. Vanessa wurde nach der Uraufführung 1958 an der New Yorker Met heftig umjubelt, war ein Riesenerfolg für den Komponisten wie für die Interpreten. In Europa ist das Stück (nach Tania Blixens Seven Gothic Tales) jedoch kaum einmal inszeniert worden. In Salzburg wurde es im Uraufführungsjahr als Beitrag der Festspiele gemacht – aber wohl argwöhnisch beäugt. 1961 kam es in Spoleto heraus – im Rahmen jenes Festivals, das Gian Carlo Menotti, Lebenspartner Samuel Barbers und Librettist von Vanessa, gegründet hatte. In den darauffolgenden Jahrzehnten gab es in Deutschland zwei, drei Neuproduktionen, zuletzt 2012 in Frankfurt die Übernahme einer Inszenierung aus Malmö. Danach hat sich wenig getan. Schade, denn Vanessa bietet alles, was eine gute, kurzweilige, spannende und vor allem dramaturgisch überzeugende Oper braucht.

Vanessa ist eine Dame mittleren Alters, die seit zwanzig Jahren irgendwo nur wartet. Sie wartet auf ihren Geliebten Anatol. Und so erstarrt ihr Leben in Ritualen. Alle Spiegel sind verhüllt, denn die Zeit soll stehen bleiben. Vanessas Mutter, die alte Baronin, praktiziert ihrer Tochter gegenüber nur dieses eine: Schweigen. Erika, Vanessas Nichte, wartet irgendwie mit in dieser trostlosen Umgebung.

Da endlich kommt er: Anatol! Anatol der Jüngere, müsste man sagen. Denn es ist der Sohn des Geliebten. Und an diesem Punkt fängt Samuel Barbers Oper eigentlich so richtig an. Erst ist Vanessa entsetzt, weil sie mit dem „falschen“ Anatol nichts anzufangen weiß. Dafür hat Anatol gleich bei seiner Ankunft ein Auge auf Erika geworfen – und nicht nur das! Er verführt sie noch in der ersten Nacht und schwängert sie. Doch im Laufe von vier Wochen hat sich die Chemie zwischen Vanessa und Anatol bedeutend verbessert, man gibt im ganzen Dorf die Verlobung bekannt. Erika ist zerstört: sie liebt Anatol, zugleich hasst sie ihn. Sie lässt Vanessa („die so lange warten musste“) quasi den Vortritt – und irrt hinaus in die einsame kalte Winternacht – auch um eine Fehlgeburt zu provozieren -, wird aber noch rechtzeitig vor dem Erfrieren gefunden. Abermals vier Wochen später: Vanessa und Anatol sind inzwischen verheiratet und packen ihre Koffer. Ihr Ziel ist Paris. Zurück bleibt Erika, die nun in Vanessas Rolle schlüpft und... wartet. Die alte Baronin aber schweigt weiter.

Barbers Oper ist ein feines Kammerspiel, in dem es um Sehnsüchte, um unerfüllte Träume und Visionen geht. Nicht nur Vanessa wartet auf deren große Erfüllung. Vielmehr scheint jede der Hauptfiguren libidinöse Defizite zu verspüren – und mehr schlecht als recht in den Griff zu bekommen. Barber breitet diese menschlichen Lebensgefühle vor allem in Monologen und Dialogen aus; einige Ensembles vom Terzett bis zum Quintett unterstreichen vor allem im zweiten Teil von Vanessa die dichte Atmosphäre, die bereits in der kurzen Orchesterouvertüre aufscheint. Musikalisch bewegt er sich auf einem Terrain, das nirgends die Grenzen der Dur-Moll-Tonalität überschreitet. Richard Wagner, Richard Strauss, Leos Janácek und Giacomo Puccini – ohne diese und etliche andere Meister mehr ist sein Werk nicht denkbar. Und dies ist gewiss der Grund, dass Barbers Erstlingswerk für das Musiktheater vor gut fünfzig Jahren in Europa schlecht ankam: da wehte der Wind aus ganz anderer Richtung.

Inzwischen hat sich vieles geändert. Pluralismus der Stile ist längst Normalität. Gleichwohl gilt diese Bedingung: auch eklektische Werke müssen gut und absolut professionell gemacht werden, damit sie überzeugen. Und das gelingt in Hagen.

Roman Hovenbitzer sieht in Vanessa eine gealterte Filmdiva, in deren Villa eine riesige Leinwand steht. Und doch bleibt der Projektor dunkel, denn Vanessa will weder glückliche Bilder von sich noch von ihrem Liebes– und Filmpartner Anatol sehen. Auch deshalb, weil sie Vergänglichkeit nicht wahrnehmen möchte. Denn sie will sich schön halten für den Geliebten, der doch einmal kommen muss Das ist ein schöner und nachvollziehbarer Ansatz. Und Volker Köster liefert ihm da im Film eindrückliche Bilder. Doch im Verlaufe des Abends werden die Video-Projektionen einfach zu häufig eingesetzt. Vor- und Rückblicke, Gleichzeitigkeiten nutzen sich ab. Die pseudo-handschriftlich auf dem Gaze-Vorhang erscheinenden Sinnsprüche zum Thema „Liebe“ kommen dann wirklich etwas sehr direkt und auch - ob des brodelnden Geschehens auf der Bühne - unnötig fingerzeigend daher.

Erika hat sich dieser Umgebung angepasst – auch äußerlich. Sie ist Vanessas Spiegelbild und zugleich ihr Schatten. Und mittendrin dunkel, mahnend und drohend zugleich die alte Baronin.

Hovenbitzer überzeugt durch eine geradlinige, schnörkellose Personenführung, die von Jan Bammes’ Bühne unterstrichen wird. Da reichen eine leichte schräge Ebene und eine Hand voll Möbel aus, um die Atmosphäre endloser Tristesse entstehen zu lassen. Ein riesiges Flügelfenster steht für die Sehnsucht nach draußen, nach Weite. Und es schneit ununterbrochen.

Katrina Sheppeard, zum ersten Mal zu Gast auf einer deutschen Bühne, gibt die Vanessa mit den exaltierten, gleichförmigen Gesten des Hollywoodstars von vorgestern. Sie vermag Hoffnung, Verzweiflung und auch Selbsttäuschung stimmlich auszudrücken, irritiert aber immer wieder durch ihr ausladendes Vibrato. Kristine Larissa Funkhauser ist seit Jahren eine absolute „Bank“ im Hagener Ensemble. Und auch diesmal überzeugt sie als Erika durch eine nuancierte Auslotung dieser Frau, die sich nicht aus dem Schatten ihrer Tante lösen kann und doch so viele eigene Sehnsüchte hat.

Der Anatol ist Richard Furman, auch er gibt in Hagen sein Deutschland-Debut. Und das ist ein Einstand nach Maß. Sein frischer, durchsetzungsfähiger Tenor ist wie geschaffen für diesen lebenshungrigen, bisweilen völlig rücksichtslosen Mann mit seinem entwaffnendem Charme, der sich alles nimmt, was immer er will.

Gudrun Pelker vom Musiktheater im Revier Gelsenkirchen springt als Baronin für die erkrankte Marilyn Bennett ein und gibt ihrer weitgehend stummen Rolle enorme Bühnenpräsenz. Wenn sie an zwei Krücken sich über die Bühne schleppt, kommt sofort Verdis „Großinquisitor“ in den Sinn. Ilkka Vihavainen ist der Doktor – einer mit schöner, gleichmäßiger Stimme. Warum er aber der fiese Grapscher ist, erschließt sich nicht.

Am Pult des Philharmonischen Orchesters Hagen steht dessen Generalmusikdirektor Florian Ludwig und formt Bühne und Orchestergraben zu einem runden Ganzen, gestaltet die Partitur überaus sängerfreundlich, lässt sein Orchester aber durchaus auf mal „aufdrehen“. Da schäumt es dann richtig romantisch.

Vanessa ist wieder ein gelungener Brückenschlag von Westfalen über den großen Teich.