Der Zauberer von Oz im Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier

Ein Evergreen

Den Mut muss eine Theaterleitung samt Regieteam erst einmal aufbringen: Bei einer aktuellen Neuinszenierung alle amerikanischen Kitsch und alle Ingredienzien für eine Retro-Show für  Film und Bühne der US-Geschichte so zu bedenken, wie vielen älteren Musical- und Leinwand-Fans der Stoff im Gedächtnis geblieben ist. Man schaut also rückwärts bei der Gelsenkirchener Einstudierung des Zauberer von Oz, die vom ausverkauften Haus schon bei der Premiere und nun bei der ersten Wiederholung frenetisch gefeiert wurde. Nostalgie pur – das kommt an. Erstaunlicherweise auch bei der jungen Generation. Denn das Stück (ein Märchen um das Erwachsenwerden und um die Besinnung auf die eigenen Kräfte, zunächst geschrieben von Frank Baum um 1900) und die Botschaften der Regisseurin Sandra Wissmann ermuntern dazu, das Leben mit seinen Hochs und Tiefs gemeinsam (!), also solidarisch und tolerant zu meistern.

Vor allem Außenseiter bekommen hier ihre Chance. Denn als das von der Familie zunächst enttäuschte Mädchen Dorothy loszieht, um die (irrationale) Welt zu entdecken und die ersten echten Gefahren zu bestehen – immer die „gelbe Straße“ entlang… - , holt sie sich drei ungewöhnliche Freunde als Wegbegleiter: eine Vogelscheuche ohne Hirn, einen Blechmann ohne Herz und einen Löwen ohne Mut. Doch das bizarre Quartett – ein Traum, eine Fantasiegeburt, eine brave Science-Fiction-Idee? – gewinnt alle Sympathie, weil es über sich selbst hinaus wächst. Und alle Probleme werden letztlich im fiktiven Munchkindland mit der magischen Smaragdstadt als Zielprojektion gelöst. Der Zauberer von Oz, den es gar nicht in der Existenz gibt, impft immerhin jedem Suchenden ein, dass die Wahrheit und die Möglichkeit, sein Leben vernünftig und erfolgreich zu gestalten, in einem selbst ruhen. Und so wird Dorothy, das harmlos-nette Mädchen aus Kansas, zur unfreiwilligen Heldin: für das Musical, das nach einem Film (1939) entstand, und für uns alle. Sie beweist, dass man mit Zuversicht und etwas Glück (Zauberschuhe und die Hilfe von überirdischen Wesen) fast jede Prüfung bestehen kann. Mag auch eine böse Hexe ihr manchen grotesken Streich spielen – Dorothy und Co. bestehen die Herausforderung. Sie machen sich alle zusammen fit für das Leben, für die Zukunft: mit Hirn, Herz und Mut. Das ist der Hintergrund zu diesem typisch amerikanischen Erfolgsgaranten, der Ängste in das Hinterzimmer der Geschichte verbannt, auf der Bühne und im Kino.

Dazu die eigentlich schmale musikalische Brücke zu diesem Musical: Nur eine Melodie, die aber zum Welthit wurde, prägt das ganze Geschehen – „Somewhere over the rainbow“. Auf dem Nachhauseweg dürfte fast jeder Besucher, jede Besucherin diesen Ohrwurm noch einmal summen… Im Musiktheater im Revier garantiert Dirigent Thomas Rimes Schmelz und Lyrik nicht nur bei diesem zentralen Song, sondern auch in den tänzerisch wirbligen Revueszenen zeigt er zupackenden Drive mit der Neuen Philharmonie Westfalen, die wieder einmal unter Beweis stellen kann, wie flexibel sie von der Operette bis zur Filmmusik, von der Wagner-Oper bis zur „musical comedy“ alle Register ziehen kann.

Was vielleicht dieses US-Märchen auszeichnet und heute noch als dankbar auch hierzulande empfunden wird: Es wartet mit Spezialeffekten und technischen Gags auf. Flammen und Rauch überziehen die Bühne, Hexen jagen per Fahrrad durch die Lüfte, Häuser verschwinden im Sturm, die Hebepodien werden wie ein Lift ständig bewegt, die beiden „Welten“ – hier die freundliche Farmeridylle, dort das erdachte Reich der guten und bösen Geister – werden farblich brillant und auch filmisch abgesetzt. Mit anderen Worten: Es gibt viel zu sehen – und das Technikteam am MiR hat im wahrsten Sinne des Worten viel Handarbeit zu verrichten.

Zwei wichtige Ensemblemitglieder (Dorin Rahardja als Dorothy und Michael Dahmen als Vogelscheuche) fielen krankheitsbedingt in der besuchten Vorstellung aus. Zum Glück konnte man zwei Gäste von der Wiener Volksoper noch schnell einarbeiten: Franziska Kemna und Peter Lesiak machten ihre Sache unter diesen Umständen mehr als nur ordentlich. Beide stürzten sich mit darstellerischem Können und musikalischer Cleverness in ihre Aufgaben. Auch alle übrigen Rollen – vor allem Anke Sieloff als glitzernde Glinda, William Saetre als Miss Gulch und zynische Hexenfigur, E. Mark Murphy als vor dem Rost geschützter Blechmann, Piotr Prochera als vokal auftrumpfender Feigheitslöwe sowie Joachim G. Maaß als trickreicher Magier, der seine Künste hinter einer Fassade versteckt – sind gut bis besonders nuancenreich besetzt. Also: Der Zauberer von Oz mit seiner herzigen Vitalität (bei Regisseurin Sandra Wissmann), seinen Bilderbuchbildern (Bühne und Kostüme: Britta Thöne/Martina Feldmann), seinem Aktionstemperament (Choreographie: Sean Stephens) und seiner musikalischen Solidität (Chor: Christian Jeub, Dirigent: Thomas Rimes) punktet. Es dürfte in Gelsenkirchen deshalb noch viele „ausverkaufte Häuser“ in dieser Saison geben.