Fidelio im Theater Hagen

Ansichten der alten Leonore

Nein, dankbar sind Florestan und Leonore dem Gouverneur für ihre Begnadigung nicht wirklich. Ist er doch Teil jenes Establishments, das für Terror, Gewalt und Unterdrückung verantwortlich ist. Deshalb wirken die jubelnden Ausbrüche in Gregor Horres’ Fidelio auch eher fadenscheinig und Mimik und Gestik Leonore pulverisieren gleichsam das Libretto: „O Gott! O welch ein Augenblick! O unaussprechlich süßes Glück! Gerecht, o Gott, ist dein Gericht, Du prüfest, du verlässt uns nicht!“ Pustekuchen. Das ist Horres viel zu einfach. Da passt auch die Textfassung von Jenny Erpenbeck gut, die in Hagen ihre Deutsche Erstaufführung erlebt. Eine alte Leonore blickt zurück auf „die“ Ereignisse in ihrem Leben und stellt dabei fest, dass das Leben Ideale abschleift und ganz viel Bitterkeit bleibt. Ein interessanter Ansatz, der aber nicht wirklich zu Ende geführt wird. Denn nach Leonores Auftaktmonolog dient Erpenbecks Text vor allem dazu, die gesprochenen Dialoge zu straffen und zu „modernisieren“. Das allerdings gelingt sehr gut, aber eine durchgängige inhaltliche Ausrichtung findet nicht statt.

Jan Bammes baut eine gekachelte Multifunktionsbühne, in der alle Personen ganz häufig gleichzeitig an verschiedenen Orten auftauchen können und auf das Geschehen gestisch und mimisch reagieren. So kann Horres Beethovens Ensembles treffend und zielsicher inszenieren. Eine wirklich neue Sicht auf Beethovens einzige Oper gelingt ihm aber nicht.

Musikalisch ist der Hagener Fidelio achtbar. Florian Ludwig und die Hagener Philharmoniker steuern zuverlässig durch die Partitur, lassen aber Glanz vermissen genauso wie der Männerchor Wolfgang Müller-Salows. Da stimmen die Töne, aber Gänsehaut kommt keine auf, wenn die Gefangenen nach langer Zeit wieder das Sonnenlicht erblicken.

Und ähnlich ist’s bei den Solisten. Das klingt vielfach so, als ob eine lähmende Erfurcht vorm Fidelio mitschwänge. Richard Furman ist ein ziemlich lauter Florestan, metallisch hart, obertonreich – aber ohne grundtönigen Körper, ohne Sonorität in der Stimme. Die Leonore gibt Sabine Hogrefe, längst im dramatischen Wagner-Fach zuhause, hier bei der Fidelio-Premiere aber nicht immer ausgestattet mit der erforderlichen Durchschlagskraft. Darstellerisch sind beide sehr präsent, werden aber noch überboten durch Hagens Ensemble-Mitglied Rainer Zaun als Kerkermeister Rocco. Der liefert in jeder Hinsicht ein Meisterstück. Stimmlich perfekt disponiert und vorbildlich in seiner Textverständlichkeit, ist sein Zwiespalt zwischen Mitleid und Pflichterfüllung jederzeit erfahrbar. Zaun liefert eine wunderbare Charakterzeichnung eines typischen Mitläufers – voller Zweifel und dennoch gnadenlos. Maria Klier und Kejia Xiong korrespondieren schön als Marzelline und Jaquino.

Das Hagener Publikum applaudiert freundlich.