Rusalka im Essen, Aalto-Theater

Im Wannenbad sitzt Freud

Er sitzt immer dabei: Siegmund Freud, der Psychoanalytiker und Frauen-Erklärer. Ob das Naturwesen Rusalka in der spätromantischen Oper des Tschechen Antonin Dvorak die Defloration, Beschneidung oder Menschwerdung erwartet – Freud ist schon da. Das jedenfalls ist die Sicht von Lotte de Beer an der Aalto-Oper, wo sie erstmals inszeniert. Die junge niederländische Regisseurin wagt sich mutig und erstaunlich konsequent in diese Welt der Geschlechter- und Abhängigkeitsergründung. Die Formel lautet mal wieder: Der Mann ist schlecht, gierig, animalisch und böse, nur auf Eroberung (Jagd) aus – die Frau ist suchend, liebesgewillt, hilf- und ratlos angesichts sozialer Unmoral und gesellschaftlicher Rituale. Da kann es kein Happyend geben. Die Nixe Rusalka, ein gefesseltes Geschöpf, von der Hexe Jezibaba mit Gift und Spuk in einen Menschen, der allerdings stumm ist, verwandelt, erfährt an Leib und Seele diese brutale Realität, in der sie keine Chance hat, zu überleben. Aber auch der Prinz, der sich in ihre Scheuheit zunächst verliebt, dann aber zurück in die „Fänge“ der Fremden Fürstin findet, hat in diesem ungeorteten, der Romantik entweihten Beziehungsdrama keine Überlebenschance.

Ein klinisches Labor mit weiblichen Opfergeschöpfen, in das sich auch der „väterliche“ (oder brüderliche) Wassermann verirrt hat, bringt ein traumatisches Erlebnis für das jungfräuliche Mädchen Rusalka. Denn in dieser Umgebung wird sie nur diszipliniert und verfremdet: Sie verliert ihre subtile Magie des Einssein mit der Natur (wobei dies eine Schwäche der Inszenierung bleibt: wo finden eigentlich Natur und Ursprung statt?). Diensteifrige Krankenschwestern garantieren einen Prozess der Entmündigung und Entseelung. Freud lässt also sofort in dieser Anstalt, in der die Wannen sanft wie auf Wellen tanzen (Ausstattung: Clement & Sanou) grüßen. Der smarte Prinz trifft im Schein-Wald auf ein Rudel Hirsche – schöne junge Damen. Sie werden zielsicher „erlegt“. Freud grinst auch hier um die Ecke. Erst recht, wenn die stumme Rusalka den adligen Oberjäger in ihren Bann schlägt. Doch schon bald kann der Prinz mit ihr nichts anfangen… Das Ende: siehe oben. Rusalka kehrt in ihre frühere neutrale Weiblichkeits-Heimat zurück und nimmt den Tod in Kauf, ein Kuss erinnert sie noch einmal an die große Liebe zum Prinzen. Wasser, Symbol des Lebens bei Dvorak und seinem Librettisten Jaroslav Kvapil, fließt dabei nicht. Ihr Schicksal spielt sich auf einer anderen Ebene ab. Denn selbst der scheinbar freundliche und verständnisvoll warnende Wassermann schleift die Abtrünnige unerbittlich über „die Bretter“. Er scheint menschlich-männliche Gene zu besitzen…

Aber alles in allem: Dieser Freudsche Dvorak hält in der stringenten Perspektive Lotte des Beers die Spannung der Märchengeschichte fast in jedem Bild, in jeder Szene, in jedem Dialog aufrecht. Sie wird gnadenlos seziert und analysiert.

Die Premiere im nicht ganz ausverkauften Aalto-Haus hat aber jenseits dieses Psycho-Thrillers zwei Gewinner: der eine ist Tomás Netopil am Pult der Essener Philharmoniker, die unter dem GMD-Dirigat grandios alle Farben und Details der melodiesüchtigen Partitur auskosten; der andere sind die fünf Protagonisten im Ensemble, die sich leidenschaftlich in diese ungewohnte Rusalka-Konstellation einarbeiten und dabei ihre romantischen Charaktere weitgehend verleugnen müssen. Denn Sandra Janusaite in der Titelpartie bringt das lyrische Potential mühelos und rein in ihre traumatische Auslegung ein, gewinnt als Leidende und Menschlichkeit Suchende schnell Sympathien. Mit heldischem Aplomb garantiert Ladislav Elgr als Prinz starke Tenor-Momente. Katrin Kapplusch als verführerische Fremde Fürstin, Lindsay Ammann als kompromisslose Jezibaba und Almas Svilpa als zeigefingerhaft mahnender Wassermann ergänzen vorteilhaft das kunstvolle Ensemblespiel, so wie es Lotte de Beer ihnen zwischen alter Konvention und neuer Erkenntnis abfordert. Gesungen wird übrigens das 1901 in Prag uraufgeführte Werk in der tschechischen Originalsprache (deutsch untertitelt). Das sorgt für den authentischen Zuschnitt der ungewöhnlichen, dennoch mit Beifall aufgenommenen Produktion. Sie ist durchdacht und psychologisch auswertbar.

Und musikalisch zählt sie zu den schönsten, suggestivsten Beiträgen der Opernsaison an Rhein und Ruhr in dieser Spielzeit: für Netopil ein wahres Heim(at)-Spiel.