Madama Butterfly im Theater Hagen

Tod im schwarzen Obi

Das ist ein Saisonabschluss nach Maß, den Intendant Norbert Hilchenbach „seinem“ Hagener Publikum bescherte. Natürlich, Puccinis Madama Butterfly ist quasi ein Selbstläufer: bezwingende Melodien und fernöstliches Flair – wer kann da schon cool bleiben. Und wenn dann noch so formvollendet schön gestorben wird, reicht das eigentlich schon für die Grundlage zum Erfolg. Aber Hilchenbach weiß das noch zu steigern. Er kreiert als „Chefpatissier“ am Ende der Spielzeit das perfekte Sahnehäubchen für die Hagener Theater-Gemeinde, die wie in all den zurückliegenden Jahren seinem Haus die Treue gehalten hat.

In wirklich üppigen Bildern erzählen Hilchenbach und sein Team die traurige Geschichte. Peer Palmowski baut ihm einen absteigenden Bootssteg in den Hafen von Nagasaki. Und dort schwimmen lauter Papierschiffchen, Symbole für Sehnsucht und Heimkehr. Das Licht spielt eine große Rolle in Hilchenbachs Inszenierung – vor allem ein wunderbares Blau durchströmt das Theater, nimmt gefangen, reißt mit. Stimmungen werden hier ganz unmittelbar spürbar, man braucht keinen Moment der Reflexion. Alles wird unmittelbar in Gefühl übertragen.

Keine Neudeutung der Butterfly, die Hilchenbach auf die Bühne bringt, aber ein wunderbares Erleben einer Oper –eine fast sanguinische Erfahrung.

Die hat ihre Ursache vor allem in der Interpretation der Butterfly, die Dirigent David Marlow mit dem Philharmonischen Orchester vorlegt. Da gerät aber auch gar nichts zuckersüß! Mal aufpeitschend, mal auf sanften Wellen gleitend ziehen Marlow und seine Musiker das Publikum unaufhaltsam in den Bann der Musik Puccinis. Manchmal wird’s zwar etwas zu laut, aber insgesamt wird diese Butterfly zu einer Demonstration der enormen Qualität des Orchesters. Satter, saftiger Puccini-Sound in den Streichern, dem Holz, den Bläsern – großartig!

Wolfgang Müller-Salows Chor glänzt, und nicht nur mit klagenden „Cio-Cio-San“-Rufen. Rainer Zaun ist ein wirklich finster-böser Onkel Bonze und Richard van Gemert ein verschlagener, stimmlich sehr wendiger Kuppler Goro. Kenneth Mattice als Sharpless sieht das unaufhaltsam heraufziehende Unheil kommen, bleibt aber eher still mitleidend. Die Suzuki Kristine Larissa Funkhausers hat es faustdick hinter den Ohren und flirtet mit einem amerikanischen Soldaten. Richard Furman ist als Pinkerton einfach eine Wucht – ein großer Junge, der sich in ein Abenteuer wirft und alle möglichen Bedenken mit seinem strahlenden, unangestrengten Tenor einfach von der Bühne singt. Und seine Stimme mischt sich ganz großartig mit der von Veronika Haller. Die Beiden sind ein perfektes Liebespaar, wie das Ende des 1. Aktes eindrucksvoll bezeugt. Haller ist als Butterfly kein zurückhaltendes, schüchternes Mädchen, sondern eine rückhaltlos liebende Frau. Das beglaubigt sie mit ihrem kräftigen, vollen Sopran. Und wenn sie sich am Ende im schwarzen Obi ersticht, ist das nur die letzte Konsequenz ihrer abgrundtiefen Zuneigung zu „ihrem“ Mann. Tosender Applaus!