The Greek Passion im Essen, Aalto-Theater

Christus heute

Irgendein Dorf in Griechenland, irgendwann um 1920 herum – also in der Zeit der türkischen Besatzung: die Türken kommen und machen es dem Erdboden gleich. Den Bewohnern bleibt nur eines: die Flucht nach Lycovrissi, einer ebenfalls dörflichen, aber wohlhabenden Siedlung, irgendwo in näherer oder weiterer Entfernung. Dies der Ausgangspunkt von Bohuslav Martinus 1957 fertiggestellter Oper The Greek Passion, die – in veränderter Fassung – erst 1961, zwei Jahre nach Martinus Tod, in Zürich uraufgeführt wurde.

Griechenland? Türkei? Flüchtlingsströme? Zerstörerische Gewalt? – Gibt es irgend ein anderes Opern-Thema, das im Augenblick aktueller wäre? Angesichts des Elends, das sich seit Monaten, wenn nicht Jahren, hier bei uns vor der Haustür abspielt? Gut: Eins zu Eins lässt sich nicht ins Hier und Jetzt übertragen, wovon der Schriftsteller Nikos Kasantzakis in seinem dem Libretto der Oper als Vorlage dienenden Roman Der erneut gekreuzigte Christus berichtet. Aber die Geschichte bietet jede Menge Anknüpfungspunkte, um daraus zeitdiagnostisches, relevantes Musiktheater zu machen. Regisseur Jirí Herman interessiert sich für derartige Bezüge aber offensichtlich nicht. Er bebildert das Werk, mehr nicht. Und bleibt mit seiner oft sehr plakativen Bebilderung über weite Strecken hinter der imaginativen Kraft der Musik zurück. Eine Interpretation findet nicht statt.

Stattdessen bevölkern Figuren die Bühne: ein dogmatischer und herzloser Dorfpriester Grigoris, der von Flüchtlingen nichts wissen will und das Wort Barmherzigkeit kaum zu kennen scheint; Dorfälteste, die sich der überkommenen Hierarchie unterwerfen und zusammen mit dem Popen dafür sorgen wollen, das alles so bleibt, wie es immer war. So wie die Pflege der guten alten Tradition des Passionsspiels, das diesmal im Angesicht der leidenden Flüchtlinge allerdings etwas anders ausfällt als üblich. Denn in Lycovrissi gibt es Menschen (!), denen der Pope die Rollen quasi ex cathedra zugeteilt hat fürs bevorstehende traditionelle Ritual – die dann aber mehr und mehr Distanz abbauen zur gespielten Rolle und ihrem eigenen Ich, zu ihren eigenen Moralvorstellung. Exemplarisch: Christus, der wieder einmal gekreuzigt werden soll! In ihm erwachen jene christliche Tugenden, die den Traditionalisten längst abhanden gekommen sind. Konsequenz: Auflehnung gegenüber den vermeintlichen Gralshütern des rechten Glaubens. Und: eine Welle spontaner Solidarität innerhalb der Dorfbevölkerung. Etliche schlagen sich auf die Seite des Christus-Darstellers. Und dennoch: Christus wird am Ende erschlagen (natürlich vom Passionsspiel-Judas) – die Flüchtlinge ziehen weiter auf der Suche nach Heimat und Geborgenheit.

Jirí Hermans Inszenierung trägt im Wesentlichen folkloristische Züge – die Kostümierung eingeschlossen. Und mitunter gerät er nahe an den Kitsch, wenn eine Hochzeitstafel dem Tisch des letzten Abendmahls ähnelt, eine riesige Glocke läutet, brennende Kerzen den Bühnenrand zum Orchestergraben hin säumen.. in Martinus Musik liegt ungleich viel mehr Dramatik, Poesie, Aggressivität, Leidenschaft, Sinnlichkeit als auf der Bühne zu sehen ist.

Was allerdings zu hören ist, ist ganz formidabel! Da wären zum einen die Essener Philharmoniker unter ihrem Chef Tomás Netopil. Die entwickeln einen an Farben geradezu überbordenden Klangkosmos mit Anklängen an Gregorianik und griechischen Volksliedern, der das szenische Mittelmaß schnell vergessen macht und spürbar werden lässt, welch’ ungeheures Potenzial für spannendes Musiktheater in dieser Musik steckt. Da wären zum anderen sämtliche Solisten, in kleinen und in großen Rollen – und davon gibt es in diesem personalintensiven Stück jede Menge. Jeffrey Dowd ist der in seinem Schluss-Monolog ungemein berührende Christus-Darsteller Manolios, Jessica Muirhead gibt die Katerina, die sich in der Passionsspiel-Rolle der Magdalena wiederfindet ungemein berührend; Almas Svilpa stattet den (fiesen) Priester Grigoris aus mit erdenschwerer Tiefe, noch eindrucksvoller gestaltet Baurzhan Anderzhanov die Partie des Priesters der Flüchtlinge. Zu nennen wären eigentlich auch alle Übrigen in diesem tollen Ensemble, das allein den Besuch im Aalto-Theater lohnt. Wäre da noch eine intelligente szenische Umsetzung hinzugekommen – Martinus Stück hätte ein Muss dieser soeben erst beginnenden Musiktheater-Spielzeit werden können!