Kennst du den Mythos? im Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier

Steht auf, wenn ihr Schalker seid…

Fußball trägt zur Identifikation der Menschen in Städten und Regionen bei, daran gibt es keinen Zweifel. Erst recht gilt diese Feststellung für den FC Schalke 04, der diesen Stadtteil von Gelsenkirchen weltberühmt machte. Kennst du den Mythos? fragt nun ein zum Club-Jubiläum (111. Geburtstag am 4. Mai 2015) einstudiertes Musical, das nach der Premiere in der großen Arena ins MiR wechselte: als unterhaltsame Revue-Uraufführung der besonderen Art.

Denn das „OraTORium“, wie es ironisch im Untertitel heißt, das Dieter Falk (Musik), Heribert Feckler (Musik und Dirigat) und Ulf Schmidt (Texte) in der Einstudierung von Jan Peter auf die Bühne brachten, mischt alles, was sich aus der Geschichte der Blau-Weißen zum Show-Gig anbot: Fußballmeister und Niederlagen, Skandale und Kuzorra-Elfmeter, Gänsehaut-„Feeling“ und Bergbau-Nähe, Altes und Neues, Fan-Songs und Spieler-Legenden, Schalker Kreisel und „geiler Club“-Jubel – eine Sportstory als Pop-Zirkus, gerafft auf etwa zwei Stunden. Eigentlich hätte dieses „Spiel“ 90 Minuten, wie „auf´m Platz“, dauern dürfen…

Aber Falk, der CD-Millionär, Feckler und Librettist Schmidt wollten ja nicht nur Geschichte nacherzählen, sondern den Mythos hinter Schlagzeilen und Ereignissen aufspüren – und wo liegt die Seele der Schalker? Irgendwo an der Kurt-Schumacher-Straße, in der Vereinskneipe, auf dem Vorplatz der Arena, in den Gesängen der Nordkurve, beim Zuschauermix aus Reichen und weniger Begüterten, wenn sich alle (beim Sieg) in den Armen liegen. Die Wahrheit (der Mythos) liegt, wie das weise Wort sagt, „auf´m Platz“. Auch weiterhin.

Das Problem einer solchen Collage aus Film und Funkeinspielungen, aus Bildern und Nachrichten, aus Gemütslagen und Enttäuschungen, aus Geist, Sinn und Sport: Im Theater lässt sich nur bedingt die „Realität“ herstellen. Manch Szene dieses „Singspiels“ mit Opernchor und Neuer Philharmonie, mit Solisten, Rockband und technischer Raffinesse lässt den Ort „ohne Rasen“ vergessen: Da ist man plötzlich mittendrin im blauweißen Kessel. Andere Einblendungen lassen kühl, zumindest dann, wenn man nicht Schalke-Fan ist. Theater bleibt eben doch Theater.

„Steht auf, wenn ihr Schalker seid“ und „Blau und Weiß, wie lieb ich dich“ – Identifikation pur zwischen Besuchern und Spielern, zwischen Verein und Region, zwischen Himmel und Erde. Alle im Ensemble geben sich große Mühe und leihen mit kräftigen Stimmen den Typen (Fußball-Götter?!) ihr gesangliches Swing-Gesicht: So sind Bonita Niessen, Petra Schmidt, Anke Sieloff, Joachim G. Maaß, Piotr Prochera, Lars Oliver Rühl, Henrik Wagner und Giuseppe Todaro mit Herz und Kompetenz dabei, diesen ewig seit 1904 andauernden Schalke-Mythos zu entdecken, zu feiern und einige heroische Momente der Historie zu relativieren. Ob das MiR-Ensemble nun zu Schalke-Fans mutierte…

Die Begeisterung der Fans wurde in jedem Fall kräftig und pfiffig stimuliert.